Kultur : Unsichtbare Fächer

Verloren in Japan: Franka Potentes gelungenes Erzähldebüt „Zehn“

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Genrewechsel. Schauspielerin Franka Potente, jetzt auch Schriftstellerin. Foto: Breuelbild/MP
Genrewechsel. Schauspielerin Franka Potente, jetzt auch Schriftstellerin. Foto: Breuelbild/MPFoto: BREUEL BILD/MP

Viele Schauspieler wechseln gerne mal das Genre – und machen Musik. Andere tauschen das Rampenlicht gegen eine funzelige Schreibtischlampe und verfassen Romane und Erzählungsbände. Auch Franka Potente, seit dem Film „Lola rennt“ ein internationaler Star, hat zehn Geschichten verfasst und ihr Buch der Einfachheit halber „Zehn“ genannt. Die Geschichten spielen allesamt in Japan und haben japanische Hauptfiguren. Es ist nicht das hyperventilierende, mit allen Insignien der Moderne ausgestattete Japan, das wir aus Filmen wie „Lost in Translation“ kennen; auch kein brodelndes, niemals schlafendes, wie es Jean Philippe Toussaint in „Sich lieben“ geschildert hat, sondern eher ein im Verschwinden begriffenes.

Franka Potentes Figuren hinken dem Fortschritt hinterher, ihr Denken scheint in einer anderen Zeit festzustecken. Sie sind höflich, demütig und an Konventionen gebunden, die den Bewegungsradius einschränken und zugleich ein wenig Sicherheit versprechen. Durch ihre Helden aber zieht sich oftmals ein Riss. Sie gehen wie Frau Michi einer alten Handwerkskunst nach, die sie kaum noch ernährt: Frau Michi bemalt Fächer mit traditionellen Motiven. Natürlich ist die Welt draußen bereits eine andere geworden. „Nun, die Damen verbergen hinter dem Fächer ihr Gesicht, ihre Gefühle, zum Beispiel im Gespräch mit einem Herrn. Solche Situationen kommen heute natürlich nicht mehr so oft vor. Aber trotzdem trägt jede Frau in Japan ihren unsichtbaren Fächer.“

Eines Tages erscheint in Frau Michis Laden ein Europäer. Sie unterhalten sich, eine eigentümliche Nähe entsteht, und ein wenig entfächern sich tatsächlich ihre Lebensläufe. Der Mann kauft zwei von Frau Michis Werken, eines davon ein unveräußerliches Familienstück. Am nächsten Tag erhält sie Post von dem Fremden – er schickt ihr das Erbstück als Geschenk zurück: „Dieser Fächer und seine Geschichte gehören ihnen. Es war mir eine Freude, davon zu hören“, heißt es am Ende ein bisschen rührselig.

Die längste Erzählung des Bandes, „Tamago“, ist zugleich eine der eindrücklichsten. Der Witwer Masamori verkauft in seinem Laden Zori, japanische Sandalen. Er kommt zurecht, mit der Einsamkeit ist es schwieriger. Sein Sohn hat wenig Zeit für ihn, er führt mit seiner Familie ein anderes Leben. Ein Nachbar, Herr Ogawa, kümmert sich um Masamori. Er beschafft ihm einen Fernseher, der das Alleinsein abfedern soll. Eines der wenigen Programme, das er empfangen kann, ist ein amerikanischer Sportsender, der Wrestlingkämpfe überträgt. Herr Masamori kennt weder die Sportart noch versteht er die Kommentare, aber er ist von einem der Kämpfer so beeindruckt, dass er von ihm im Traum aufgesucht wird und ihn zu seinem heimlichen Begleiter macht. Der sanfte Riese wird für ihn zum Samurai, der ihm Gesellschaft leistet und ihn auf seine letzte Reise begleitet. Herr Masamori ist todkrank, und Trost findet er außerhalb seines kulturellen Wertesystems – und in seiner Fantasie. Franka Potente erzählt ihre Geschichten nüchtern; nicht umsonst trägt der Band die amerikanische Gattungsbezeichnung „Stories“. Die zwischen zwei Zeit- und Bewusstseinsebenen schwebenden Figuren zeichnen sich durch eine vornehme Zurückhaltung aus, bei der man zwischen Schüchternheit, kultureller Etikette und Verklemmtheit nicht mehr unterscheiden kann. Im 18. Jahrhundert waren bekanntlich Ostasiatika sehr beliebt. Man adaptierte etwa in der Porzellanmalerei Szenen aus dem Leben der Japaner, wie man sie sich vorstellte und wie man sie vorbildhaft auf den importierten Waren aus dem Fernen Osten fand.

Auch die Erzählungen Potentes erscheinen wie Adaptionen einer fremden Kultur, die aber eher an der Oberfläche bleiben, etwas Pastellfarbenes haben. Gleichwohl gewinnen die Stories gerade in diesem Austarieren von Fremdheit und Nähe ihren Reiz. Für all das hat Potente einen behutsamen Ton gefunden; und sie erzeugt eine Atmosphäre, die den Figuren Raum zum Lebendigwerden gibt.

Am Ende des Bandes kommen wir zu einer neuen Generation, die zwar mit dem Erbe der Eltern aufwächst, aber längst andere Sehnsüchte hat. Die 17-jährige Naski verbringt im Rahmen eines Schüleraustauschs ein Jahr in Los Angeles. Schnell ist sie eingenommen von dieser Welt aus „Palmen, Meer, Strand, Moviestars, Hollywood, Surfern und gebräunten Beinen unter kurzen Röcken“.

Sie verliebt sich zudem in einen Jungen. Doch als ihr Großvater stirbt, muss sie zurück und die Trauerzeit in Japan verbringen – ein allzu großes Opfer. Von den Riten ihrer Vorfahren hat sie sich da schon weit entfernt. Auch hier ragt das alte noch in ein neues Leben hinein. Franka Potente beschreibt in ihren gelungenen Geschichten dezent und voller Anteilnahme diesen Übergang.

Franka Potente: Zehn.

Stories. Piper Verlag, München 2010.

165 Seiten, 17, 95 €.

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