• Unsinnstiftung Warentest: Antje Dorns Produktpalette als Ausstellung in Wiens Laden & Verlag

Kultur : Unsinnstiftung Warentest: Antje Dorns Produktpalette als Ausstellung in Wiens Laden & Verlag

Elfi Kreis

Nur wo Shampoo Marke "Xyz" draufsteht, ist auch Shampoo Marke "Xyz" drin. Schließlich haben die Vermarktungsstrategen das den Verbrauchern in ihren Werbespots lange genug eingebläut, um es ganz selbstverständlich zu verinnerlichen. Was aber mag drin sein in einer Plastikflasche mit der Aufschrift: "Super de Luxe"? Kann man einem Kleinkind damit die Haare waschen, ohne es aus Versehen kuschelweich zu spülen? Oder kommt der Glanz ganz ohne Abtrocknen? Fragen, wie sie sich bei Antje Dorns Ausstellung in Wiens Laden & Verlag in Nullkommanichts stellen. "0,0 total" nennt sie ihre Serie neuer Arbeiten. Die Berliner Künstlerin betreibt dazu Mülltrennung und Entsorgung von Leergut der besonderen Art.

Dorns künstlerischer Feldversuch beginnt mit dem Griff ins Supermarktregal und führt zu einem ganz eigenen Warensortiment. Ihre Serie (Auflage 3) umfaßt vierundachtzig holzgerahmte Farbfotografien. Die beiden ersten Sätze gibt es nur komplett (35 000 Mark). Die Fotos vom letzten Satz sind einzeln verkäuflich (900 Mark). Sie sind zudem als Künstlerbuch erschienen (68 Mark; Vorzugsausgabe im bemalten und signierten Holzschuber Auflage 80 bis Nr. 50 je 500 Mark, alle weiteren 800 Mark).

Die Aufnahmen zeigen zum einen den Inhalt ohne Behälter: verschüttete Flüssigkeitslachen und kunstvoll hingegossene Breimassen, aus Tuben gedrückte Pasten und aufgetürmte Schaumberge. Was wie zufällige Alltagsbeobachtungen im Haushalt wirkt, sind tatsächlich inszenierte Nahaufnahmen von hohem ästhetischen Reiz. Dorn verwandelt chemische Substanzen, Farben, Reinigungs- oder Lebensmittel von Kunstlack bis Ketchup, Zuckerguss bis Zahnpasta in transparente Geleeskulpturen, ufoartige Farbkleckse mit verführerisch glänzender Oberfläche, rissig schrundige Nussnougatcremefladen. Flüssig oder fest, soviel lässt sich meist eben gerade noch sagen. Aber ob die Substanzen geniessbar oder giftig, eklig oder appetitlich sind bleibt ein Geheimnis. Ob Hygieneartikel, Baustoff oder Schleckerei - geläufige Kategorien der Unterscheidung greifen plötzlich nicht mehr. Außerhalb der Behälter, die sie kennzeichnen, werden die Inhalte austausch- bis undefinierbar. Das vergnügliche Rätselraten um ihre Funktion kann beginnen.

Die Substanzen brillieren durch ihre von ursprünglicher Bedeutung befreite Präsenz als reine Bildkonstrukte. In der Ausstellung sind ihnen die Aufnahmen entleerter und von ihrer Etikettierung befreiter Behälter gegenübergestellt: ein launiges Verwirrspiel mit frei flotierenden Werbefloskeln. In pseudonaiver Kinderschrift pinselt Dorn die Slogans nach eigenem Gusto auf die nackten Behälter, deren Aufkleber und Aufdrucke sie vorher entfernt hat. Dabei sitzt der Meisterschülerin von A. R. Penck der Post-Dada-Schalk im Nacken. Gewitzt remixt sie ihre Signets. Dollarzeichen landen auf dem Gewürzgurkenglas, Total explosiv" steht auf dem honiggefüllten Plastikbauch einer Teddybärenflasche. Buchstäblich wird alles und nichts gegen den Strich der gängigen Werbeästhetik gebürstet. Doch macht der herrlich kunterbuntkrause Unsinn bisweilen unerwartet wieder einen neuen, seinen eigenen Sinn. Wo eine Mineralwasserflasche das Label "Duchamps Fountain destillated" erhält oder eine Flasche mit Hochprozentigem die Schnapsidee "Rots Literaturwürste aufgelöst" enthält. Dorn mochte sich kleine, gewitzte Hommagen an bekannte Künstler nicht verkneifen. Solche, die sie besonders schätzt und die sich teilweise ebenfalls mit Verpackungen auseinandergesetzt haben. Dieter Rot(h) stopfte einst kleingehäckselten, bedruckten Lesestoff in seine Kunstpelle. Auch Manzonis "Künstlerscheiße" in Dosen lassen bei vermeintlich fäkalen Aufnahmen grüßen, die in diesem Fall aber nichts weiter sind als braune Fugendichtungsmasse oder Schuhcreme.

Dorn geht es bei "0,0 total" nicht nur um tiefschürfende Fragen nach dem Verlust von Inhalt, wo aufgesetzte Bedeutungen abhanden gekommen sind. Vielmehr thematisiert sie den Aberwitz des Alltäglichen. Und von leichter Hand um das Füllen des Sinnentleerte mit unsichtbaren Ideen, die sie mit mehr als nur einem Augenzwinkern im scheinbar naiv-tändelndem Kinderspiel sichtbar macht. Dorns bevorzugte Geschmacksnote bleibt der intelligente Nonsens.Wiens Laden & Verlag, Linienstr. 158 bis 27. Mai; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 12-17 Uhr. Künstlerbuch 68 Mark.

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