Kultur : Unsterblich

Russische Utopien: Projekt der Bundeskulturstiftung

Bernhard Schul

„The Post-Communist Condition“ war neudeutsch eines der ersten Forschungsprojekte überschrieben, das die 2002 gegründete Bundeskulturstiftung finanziert hat – mit immerhin 1,3 Millionen Euro. Unter der Leitung von Boris Groys, Sowjet-Exilant und Professor in Karlsruhe, sollten die Transformationsprozesse hinter dem gefallenen Eisernen Vorhang untersucht werden. Herausgekommen sind drei umfangreiche Anthologien von zusammen 2361 Seiten, die die Bundeskulturstiftung jetzt in Berlin vorstellte (alle Bände bei Suhrkamp: Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jhdts., stw 1763, 20 €; Am Nullpunkt. Positionen der russischen Avantgarde, stw 1764, 20 €; Zurück aus der Zukunft. Osteuropäische Kulturen im Zeitalter des Postkommunismus, es 2452, 16 €). Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse nannte gute Gründe für das Projekt, das über seinen Titel tatsächlich weit hinausgriff und sich vor allem mit den geistesgeschichtlichen Wurzeln der kommunistischen Utopie beschäftigte. „Die Ambivalenz des Versuchs, die Grenzen von Kunst und Leben zu überwinden“ – so Thierse – werde in diesen Büchern „deutlicher denn je“. Man lese die utopischen Gedanken von damals „mit Entsetzen und grimmigem Gelächter – weil man ihr Scheitern im stalinistischen Terror kennt“. Genau das ist der Horizont, innerhalb dessen die zumeist Kopfschütteln machenden Beiträge von 1900–1930 zu sehen sind. So wurde vehement das „Recht auf Unsterblichkeit“ eingeklagt; und dass das sowjetische Raketenprogramm unter Konstantin Ziolkowskij tatsächlich solchen aufs Kosmische gerichteten Spekulationen entsprang, mag man kaum glauben. Wahrlich ein Utopia. z

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