Kultur : Unstillbar: das Leben

Der Australier Ray Lawrence hat mit „Lantana“ einen existenzialistischen Thriller gedreht

Kerstin Decker

Wie still dieser Thriller ist. Er braucht fast nichts, was Filme seines Genres sonst nötig haben. Keine Verzierung, nicht mal Ablenkung durch Schüsse. Nur eine Leiche im Lantana-Gebüsch.

Die Zikaden im Lantana-Gebüsch – das ist das Grundgeräusch des australischen Films. Es ist eine andere Form des Schweigens, nur schriller. Die Unermüdlichlichkeit der Zikaden: Sie ändert nichts, sie führt zu nichts, sie deckt die Mädchenleiche gleichsam zu. Genauso, denkt man, ist es mit dem Reden aller Beteiligten. Es ändert nichts, es deckt gleichsam nur zu. Und aus Angst vor dem Zugedecktwerden sprechen die Menschen.

Da sind der Mann (Geoffrey Rush) und seine Frau (Barbara Hershey), deren Kind ermordet wurde. Es ist das Mädchen unter den Lantana-Blüten – mit Zikaden als Wächtern. Und seinen Eltern widerfuhr das Schlimmste, was Eltern passieren kann: Das tote Kind bringt sie auseinander, sie können einander nicht helfen, der Anblick des anderen erinnert sie an das, was sie nicht ertragen, was sie niemals ertragen werden. So sind sie sind doppelt allein. Und auch einen Polizisten namens Leon (Anthony La Paglia) gibt es, der sich aber nicht gleich als Polizist vorstellt, sondern zuerst als Seitenspringer. Nicht risikolos so etwas, vor allem, wenn man später als Ermittler vor der Tür seines One-Night-Stands stehen muss. Und dann ist da noch nebenan das junge Ehepaar mit den kleinen Kindern – hat es nicht etwas Klaustrophobisches in der Unbedingtheit, beinahe Gewalttätigkeit seiner Liebe?

Regisseur Ray Lawrence webt zwischen all diesen Menschen, die fast nichts miteinander zu tun haben, feine Schicksalsfäden, die nach Art eines guten Thrillers immer dichter, immer unausweichlicher werden. Und wir wissen wieder einmal, dass das Mörderische, wo es nicht trivial ist, nie aus kriminellen Energien kommt, sondern aus der eigenen Mitte. Letztlich verfangen sich alle Figuren hier in den Unstillbarkeiten ihres eigenen Lebens. Und das ist überhaupt das Erstaunlichste an diesem Lantana-Zikaden-Film: die leichte Hand, mit der er sein Seelentoten-Reich entwirft.

Babylon (OV), Blow Up, Cinestar Sony Center, Filmkunst 66, Hackesche Höfe, Rollberg

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