Kultur : Unten durch und oben auf

„Unknown Pleasures“: Das Babylon Mitte zeigt ausgezeichnete Independent-Filme aus den USA

Frank Noack
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Nach dem One-Night-Stand. Szene aus „Medicine for Melancholy“. Foto: IFC Films

Wie definiert man „unabhängiges Kino“? Für die Jury der Independent Spirit Awards in den USA ist das Budget das entscheidende Kriterium: Ein Film darf nicht mehr als 20 Millionen Dollar gekostet haben. Diese merkwürdige Definition von „unabhängig“ hat zu so Mainstream-tauglichen Preisträgern wie „Platoon“, „Short Cuts“, „Pulp Fiction“ und „Juno“ geführt. Zu den aktuellen Favoriten gehören prominent besetzte Filme wie „Milk“, „Vicky Cristina Barcelona“ und „The Wrestler“, die vergleichsweise wenig gekostet haben, weil große Stars für wenig Geld mitmachten – aus Idealismus oder, im Fall von Mickey Rourke, aufgrund eines Karrieretiefs. Aber schlecht bezahlte Stars sind immer noch Stars und der Film entsprechend gut zu vermarkten. Ang Lees Martial-Arts- Spektakel „Tiger & Dragon“ konnte sich für den Preis qualifizieren, weil die Lohnkosten in Peking nicht so hoch sind wie in den USA – wahrscheinlich gelten nach dem 20-Millionen-Dollar-Kriterium auch die „Buddenbrooks“ als Billigproduktion.

Der Missbrauch des Independent- und Low-Budget-Begriffs muss bekämpft werden, weil er die Krise des wirklich armen Kinos verdeckt. Die Angewohnheit der großen Verleiher, relativ wenige Filme massiv einzusetzen, ist längst von den kleinen Verleihern übernommen worden. Auch im nicht-kommerziellen Kunstkino gibt es einen Mainstream. Die einen buchen den neuen Spielberg, die anderen den neuen Dresen. Die einzige Hoffnung für No-Name- und No-Budget-Produktionen sind Festivals. Das Babylon Mitte präsentiert bis zum 27. Januar 22 Spiel- und Dokumentarfilme, darunter 14 Erstlingswerke, unter dem Motto „Unknown Pleasures – American Independent Fest“. Im Programm befindet sich ein Film, der im Wettbewerb der Berlinale lief: Lance Hammers „Ballast“, die deprimierende Studie eines 12-jährigen Drogendealers, fand viel Anerkennung bei der Kritik, ist aber von einem Großteil des Publikums gar nicht gesehen worden. Vielleicht findet sich jetzt ein Verleih (Aufführungen heute 18 Uhr sowie am 10. 1. und 20. 1.).

Ein wiederkehrendes Thema ist die Yuppisierung und die Vertreibung der Armen aus den Großstädten. Selbst für das legendäre New Yorker Chelsea Hotel gibt es keinen Denkmalschutz. Das Heim der kaputten Künstler, in dem Klassiker wie „On the Road“ und „2001“ geschrieben wurden, soll in ein Sterne-Hotel umfunktioniert werden. Abel Ferraras „Chelsea on the Rocks“ gleicht einem Nachruf, zusammengesetzt aus Interviews mit Prominenten, die hier gewohnt haben (am 8. 1.). Anekdote reiht sich an Anekdote, etwas unstrukturiert wirkt das alles, aber Ferrara ist immer noch ein Filmemacher mit Gespür für Räume und Farben.

Der künstlerische Höhepunkt des Festivals ist Barry Jenkins’ „Medicine for Melancholy“. Es geht um ein Paar, das nach einem One-Night-Stand zunächst einmal Unbehagen empfindet, das dann von Neugier und Zuneigung abgelöst wird (am 3. 1. und 9. 1.). Diese Grundsituation ist wenig originell, man kennt sie aus zahlreichen Beziehungskomödien. Die Personen gewinnen dadurch Profil, dass Micah (Wyatt Cenac) ein sozial engagierter Afroamerikaner ist, während Joanne (Tracey Heggins) einen weißen Freund hat, der als Kurator viel Geld verdient. Micah ist ein Opfer der Yuppisierung und Joanne eine Nutznießerin. Statt sich auf die Thematik zu verlassen, profiliert sich Jenkins als souveräner Stilist. Zum Beispiel der Entzug der Farbe: Normalerweise erscheint es als Manierismus, wenn Schwarz-Weiß-Bilder durch rote Pullover belebt werden. Jenkins’ Kameramann James Laxton (oder vielmehr das Kopierwerk) hat die Kontraste zwischen Schwarz-Weiß und Farbe auf ein Minimum reduziert, so dass sie kaum auffallen. Ein ausgeblichener Farbfilm? Ein Schwarz-Weiß-Film mit angedeuteten Farben? Schwer zu sagen. Der Film ist elegant, aber nie glatt; er bietet ein ästhetisches Vergnügen ohne Werbeästhetik, überzeugt formal und inhaltlich.

Als bewusste Zumutung kann man Ronald Bronsteins „Frownland“ empfehlen: das Porträt eines Stadtneurotikers ohne Woody Allens Witz oder Robert De Niros aggressive Verzweiflung (am 5.1., 9.1. und 13.1.). „Frownland“ gehört zu einem neuen Genre: dem Mumblecore-Film. Geprägt hat diesen Begriff ein Tontechniker, der vergeblich versucht hat, Klarheit in das Genuschel der Darsteller zu bringen. Offenbar soll das Nuscheln ein Symbol sein: für die Unfähigkeit zu kommunizieren. Doch die undeutliche Aussprache ist für den Protagonisten von „Frownland“ das geringste Problem. Denn niemand möchte ihm die Hand geben. Wir sehen Keith Sontag zuerst, wie er im Bett Essen herunterschlingt. Eine Freundin ruft ihn an, er möchte zu ihr kommen. Diese Freundin weint durch die Nase. Später weint auch Keith durch die Nase. Er reibt sich ständig die Augen, die Haut ist voller Exzeme, er kratzt sich Essensreste aus dem Mundwinkel. So etwas gibt es im wahren Leben, könnte man sagen. Das ist Realismus. Aber Bronstein reduziert seine Figuren auf ihre unappetitlichen Eigenarten. Das ist definitiv nicht realistisch.

Es geht auch anders. Mikey, der Titelheld von Azazel Jacobs’ „Momma’s Man“, ist ein dickliches Muttersöhnchen und läuft in langen Unterhosen herum. Aber der Darsteller Matt Boren verleiht dieser Figur Würde und Charme (am 2. 1., 12. 1. und 24. 1.). Mikey besucht in New York seine Eltern und kommt nicht mehr von ihnen los. An den Eltern liegt es nicht, sie sind locker drauf. Es sind alte Briefe, Tagebücher und eine Gitarre, die den Mann wieder zum Kind werden lassen. Einmal greift dieser liebe, bärige Mann zur Gitarre und singt hasserfüllte, frauenfeindliche Lieder. Das geht unter die Haut.

Guter Junge, böser Junge? Der Schwulenaktivist Richard Berkowitz ist beides, deshalb wurde er auch von der Community geächtet und boykottiert. 1983 setzte er sich gemeinsam mit zwei Freunden für Safer Sex ein. Die Forderung galt als unerhört, schließlich hatte man hart für sexuelle Freiheit gekämpft und wollte sie nicht so leicht aufgeben. Daryl Weins Dokumentarfilm „Sex Positive“ erinnert an eine Zeit, in der angesichts der AIDS-Hysterie sachliches Diskutieren kaum möglich war (am 2. 1., 3. 1. und 25. 1.). Berkowitz wurde unterstellt, ein Sprachrohr der religiösen Rechten zu sein, seine Vergangenheit als Sadomaso-Callboy war für die Community ein willkommener Anlass zu einer Schmutzkampagne. Daran und an seiner HIV-Infektion wäre so mancher andere zerbrochen, doch Berkowitz ist in guter Verfassung und ein anregender Interviewpartner.

Alle Infos: www.babylonberlin.de

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