Kultur : Unter anderem: Der neue Pinter, Charles Aznavours erstes Musical

Jörg von Uthmann

Nimmt man den Andrang und die Aufregung der Presse zum Maßstab, dann ist "The Graduate" das Ereignis des Londoner Theaterfrühlings. "The Graduate", wir erinnern uns, war der Film, der Dustin Hoffman 1967 zum Star beförderte. 17 000 Dollar hatte er für die Rolle des schüchternen Benjamin bekommen, der von Mrs. Robinson, der reifen Freundin seiner Eltern (Anne Bancroft), in die Geheimnisse des Sex eingeweiht wird. Die Oscar-Nominierung katapultierte ihn hoch. Jetzt ist das Drehbuch, für die Bühne bearbeitet, im Gielgud Theatre zu sehen - ein period piece, das ein harmloses Nebenwerk von Tennessee Williams sein könnte, bekäme man nicht Kathleen Turner, die Londoner Mrs. Robinson, unbekleidet zu sehen. Frontal nudity ist im sexuell leicht erregbaren England immer noch ein Kassenmagnet. Wichtiger ist jedoch etwas anderes: Die Londoner können bei dieser Gelegenheit entdecken, welch großartige Schauspielerin Kathleen Turner ist. Die New Yorker wissen das längst.

Aber die wirklich bedeutende Premiere war Harold Pinters "Celebration" im Almeida Theatre. Da der Neuling nur eine Stunde dauert, hat ihn der Autor zusammen mit "The Room", seinem Erstling, in Szene gesetzt. Das Nebeneinander der beiden, durch mehr als vierzig Jahre getrennten Stücke zeigt, wie treu sich Pinter geblieben ist. Schon in "The Room" finden wir die rätselhaften Bedrohungen und geheimnisvollen Eindringlinge, die heute als sein Markenzeichen gelten. Rose und Bert wohnen in einer Ein-Zimmer-Wohnung von überwältigender Spießigkeit. Während Bert, ein Comic-Heft lesend, wortlos sein Essen mampft, brabbelt Rose Betuliches. Kaum hat Bert die Wohnung verlassen, erscheint ein aggressives Paar, das sie mieten will, und danach der Hauswirt, der einen im Keller wartenden Gast ankündigt - einen blinden Schwarzen, der den Auftrag hat, Rose "heimzuholen". Rose sträubt sich zunächst, wird dann aber weich. Während sich die beiden in die Arme sinken, kommt Bert zurück und schlägt den Gast brutal zusammen.

Auch in "Celebration" wird gegessen, aber nicht im proletarischen Mief, sondern in einem der trendigsten Top-Lokale von London - eine Verfeinerung der Geschmacksnerven, die ziemlich genau dem Lebensweg des Autors vom East End zum noblen Holland Park entspricht. Zwei Ehepaare feiern ihren Hochzeitstag. Geld spielt keine Rolle. Womit es die beiden Männer verdienen, ist nicht ganz klar: Sie nennen sich Berater der Polizei für peace enforcement. Das heitere Geplänkel kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Eheleute verabscheuen. Ein öliger Oberkellner erkundigt sich von Zeit zu Zeit wortreich nach dem Wohlbefinden seiner Gäste, während der Pikkolo, der sich gleichfalls in die Tischgespräche einmischt, durch ein geradezu monumentales Talent im name dropping auffällt. Das Schlusswort, das Pinter dem Pikkolo erteilt, lässt uns ahnen, wieviel Elend sich hinter der mondänen Fassade verbirgt.

"Celebration", wie der Erstling glänzend gespielt, enthält alle "pinteresken" Ingredienzien und einen Extraschuss von bösem Witz. Der Abend beweist wieder einmal, dass Pinters surrealer Minimalismus weit lebendiger geblieben ist als die kitchen-sink dramas seiner Zeitgenossen John Osborne und Arnold Wesker. Das Royal Court Theatre am Sloane Square, das die angry young men berühmt machte, ist nach vierjähriger Renovierung wieder eröffnet worden. Der Zuschauerraum prunkt in nie gesehener Eleganz. Nur das Rumpeln der U-Bahn, das die Aufführungen wie ein Generalbass begleitet, ist geblieben.

Gleich geblieben ist auch die Politik des Hauses, das vor allem sozialkritische junge Stimmen fördert. Der erfolgreichste Hausautor ist derzeit - neben dem auch in Deutschland bekannt gewordenen Mark Ravenhill - der 28-jährige Ire Conor McPherson, dessen Gespensterstück "The Weir" (Das Stauwehr) seit mehr als einem Jahr am West End läuft, wo das Royal Court Theatre während der Bauarbeiten überwinterte. So wie hier, fließt auch in McPhersons "Dublin Carol", mit dem das renovierte Stammhaus eingeweiht wurde, der Whiskey in Strömen. Mehr ein Stimmungsbild als ein Drama, aber keine unwürdige Probe eines Talents, auf dessen weitere Entwicklung man neugierig sein darf.

Dagegen hat Charles Aznavour seine Karriere eigentlich schon hinter sich. Von wegen! Der 76jährige Sänger und Filmschauspieler hat soeben sein erstes Musical geschrieben. "Lautrec", mit einem Einsatz von 3,5 Millionen Pfund (10,5 Millionen Mark) im Shaftesbury Theatre aus der Taufe gehoben, ist solide gezimmert und musikalisch durchaus professionell. Nur mit der Inspiration hapert es: Ein dreistündiges Musical ist eben etwas anderes als ein Chanson. Auch gibt die Biografie des zwergwüchsigen Malers (Sévan Stephan) für den populären Geschmack nicht genug her. Herausgekommen ist ein Zwitter - halb Touristen-Show im "Moulin Rouge", halb Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud. In den nächsten Monaten werden die Londoner Musical-Fans noch zweimal Gelegenheit haben, eigentümliche Franzosen kennenzulernen - im Mai den "Glöckner von Notre Dame", im Herbst "Napoleon".

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