Kultur : Unter dem Vulkan

Weitere Aufführungen: Sophiensäle[27.-2]

Um mit "Don Juan im Kumpelnest 3000" auf den Putz zu hauen, baute Ivan Stanev einst originalgetreu die berühmte Szenekneipe auf der Bühne nach. In seiner neuen Produktion "Villa dei misteri" gräbt der Theater-Archäologe in den Berliner Sophiensälen Pompeij aus - und lässt seine seltsame Dastellerschar vor römischen Wandmalereien von der finalen Orgie träumen. Eros und Tod, Zivilisation und Untergang, Ästhetik und Faschismus sind Stanevs Obsessionen. In einer langen Filmouvertüre sehen wir Mussolini hoch zu Ross und Ingrid Bergman als amerikanische Touristin auf dem Weg nach Neapel. Der Vesuv, hier "deep throat" genannt, spuckt Lava, und die Tragödin Sarah Bernhardt stirbt tausend Bühnentode. Kriegsschiffe explodieren, und ein Tintenfisch schlängelt sich durch die Tiefen des Meeres.

Stanevs Heimkino gehorcht dem erotischen Blick: Fontänen, Eruptionen, glühende Spitzen. Und endlich sind die Schauspieler da, Gäste in einem philosophischen Swingerclub, wie Stanev verspricht. Aber das Theter des gebürtigen Bulgaren, der seit 1988 in Berlin lebt, ist eben ein ewiges Vorspiel. Maskenmänner und Frauen in traurigen, lasziven Posen hantieren mit verbrannten Fantasieinstrumenten. Es sind Geister, die darauf warten, dass in der "Villa dei misteri" das Fest endlich beginne. Der Tod, natürlich, ist eine wunderschöne Frau (Jeanette Spassova) mit einem dicken Buch, und Dionysos (Krylon Superstar) ein schwarzer Hermaphrodit, der zu "Sex Bomb" von Tom Jones tanzt und sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt. Auch Stanev gefällt sich als Narziss - und als Meister geschraubter Zeremonien.

Der Regisseur schickt Nietzsche ins tote Rennen und den legendären Schauspieler Alexander Moissi, dessen höchste Kunst das theatralische Sterben war, als "Hamlet" und als Ur-"Jedermann" nach Salzburg. Stanevs intellektuelle, kunsthistorische Referenzen sind wieder so vielgestaltig und bombastisch, dass sich der Zuschauer nach einer Auflösung sehnt. Nach einem Ende der Versprechungen und einer Entladung. Doch die Orgie findet im Kopf statt, oder gar nicht. Statt der Disco tobt der Diskurs, und es kommt einem auch wieder sehr französisch vor. Was nicht verwundert, denn Stanev arbeitet seit einigen Jahren mit Erfolg in Frankreich und fand dort auch Koproduzenten für diese jüngste Expedition in die Morbidität.

0 Kommentare

Neuester Kommentar