Kultur : Unter dem Vulkan

Henning Klüver

Gewisse Bilder regierten schon die antike Welt: Hier sind die Damen und Herren an den Wänden paar- oder auch gruppenweise damit beschäftigt, was nach Ovid dem Herzen Lust, doch am Schluss nur Schmerzen bringt. Auf den Wänden einer Thermenanlage in Pompeji geht es mit unverblümter Deutlichkeit zunächst um die Lust. Und um die Stellungen, mit der sie zu erreichen ist. Der Besucher steht einem rot grundierten römischen Kamasutra gegenüber - und Pompeji, die im Jahr 79 in einem Vulkanausbruch untergegangene Stadt am Rande des Vesuvs hat eine neue Publikumsattraktion.

Jahrelang waren die erotischen Wandmalereien Anlass für Gerüchte gewesen. Nur Fachleute hatten nach Abschluss der Ausgrabungen 1988 Zugang zu den Vorstadtthermen außerhalb der Mauern bei der heutigen Porta Marina. Jetzt, nach 13-jähriger Restaurierungszeit, darf jedermann die "Terme Suburbane" besichtigen.

Dabei handelt es sich um Thermen aus augusteischer Zeit, die wie üblich vor allem der körperlichen Ertüchtigung, aber auch dem Müßiggang und der Konversation dienten. Diese einzige beheizbare öffentliche Badeanlage Pompejis wurde vor allem vom Mittelstand benutzt, da die wohlhabenden Familien in ihren Villen Privatthermen besaßen. Rätselhaft ist dabei, dass sich die erotischen Bilder ausgerechnet in jenem Umkleideraum finden, der von Männern und Frauen gemeinsam benutzt wurde.

Jedes Bild war nummeriert und einem Holzkasten zugeordnet, in dem die Badegäste ihre Kleider ablegen konnten. Die nunmehr acht restaurierten Szenen, die detailgetreu, wenn auch etwas plakativ Oralverkehr, lesbische Liebe und Gruppensex zeigen, gelten als ein Unikum in der erotischen Malerei der römischen Antike. Dionysierende Motive, zumeist aus der hellenistischen Mythologie, kommen in Pompeji etwa im Haus der Vettier oder in der Villa der Mysterien meist mit Andeutungen aus.

Dagegen muten die Szenen im Umkleideraum der öffentlichen Badeanstalt wie antike Pornograie an. Italienische Medien sprechen deshalb gerne von den "Rotlichtthermen" Pompejis. Die Vermutung liegt nahe, dass sich innerhalb der Anlage auch ein Bordell befunden haben könnte. In Pompeji gibt es ein solches "Lupanare" zum Beispiel direkt neben der vornehmen Casa del Menandro.

Dieser Annahme widerspricht jedoch die Archäologin Luciana Jacobelli, die die Ausgrabungsarbeiten geleitet hat. Nicht nur, weil in den Thermen Räumlichkeiten zum Intimverkehr fehlen, wie man sie in anderen Bordellen gefunden hat. Nach Deutung der Archäologin sind die Szenen Ausdruck einer Volkskultur, die auf deftigen Wortspielen mit oft sexuellem Hintergrund basierte, wie man sie auch aus zeitgenössischen literarischen Zeugnissen kennt. Das klassisch-mediterrane "Kamasutra" der Vorstadtthermen spiegele eine erotisch geprägte Ironie, die damals en vogue gewesen sei. Die einprägsamen Bilder dienten demnach dem Besucher dazu, den Kasten mit den eigenen Kleidern wiederzufinden - und waren zugleich Anlass für anzügliche Konversation.

Pompeji kann diese neue Attraktion gut gebrauchen. Mit rund 2, 2 Millionen Besuchern im Jahr ist es zwar die meistbesuchte Ausgrabungsanlage Europas. Doch müssen sich die Verantwortlichen des 66 Hektar großen archäologischen Gebiets Kritik von verschiedenen Seiten erwehren. Noch immer sind nicht alle Schäden vom Erdbeben aus dem Jahr 1980 beseitigt, und weite Teile sind nicht zugänglich. Im nächsten Jahr soll nun auch das Haus der Vettier für Restaurierungsarbeiten geschlossen werden. Streunende Hunde und verschmutzte Anlagen vermitteln hier und da ein Bild von Ver-wahrlosung.

Seit drei Jahren sind die staatlichen Ausgrabungsanlagen "autonom", das heißt, sie können die Einnahmen selbst verwalten und bis zu einem gewissen Grad private Sponsoren und Investoren beteiligen. Ein "City Manager" steht dafür dem wissenschaftlichen Leiter Pietro Giovanni Guzzo zur Seite. Aber die Lage im sozial schwierigen Umland von Neapel hat bislang größere Privatinitiativen abgeschreckt. Streiks und quälende Auseinandersetzungen mit einer von korporativen Interessen beherrschten Angestelltenschaft (rund 800 Mitarbeiter) lassen die Früchte der Autonomie nach außen hin kaum sichtbar erscheinen.

So haben bereits im Sommer Abgeordnete der Regierungsfraktionen die Absetzung Guzzos und seines "City Managers" gefordert. Der rechtsliberale Kulturminister Giovanni Urbani hatte jüngst Pompeji an erster Stelle genannt, als es um Pläne ging, die Leitung und Nutzung öffentlicher Kultureinrichtungen an Privatinvestoren zu vermieten. Vielleicht tragen die "Rotlichtthermen" jetzt sogar dazu bei, das Interesse bei Privatbetreibern zu erhöhen. Liebe, so erzählt uns Casanova, bestehe zu drei Vierteln aus Neugier. Die Liebe zur antiken Kunst auch.

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