Kultur : Unter dem Vulkan

Leben auf der Kippe: zum Tod des Schauspielers Klaus Löwitsch

Harald Martenstein

Auf ein paar Dinge, die den meisten anderen Leuten wichtig sind, hat Klaus Löwitsch keinen gesteigerten Wert gelegt. Zum Beispiel darauf, gemocht zu werden. Wer ihn einmal auf einem Podium oder bei einer Talkshow erlebt hat, weiß das. Er benahm sich wie die Axt im Walde – nicht immer, aber ziemlich oft. Er flegelte und machte gefährliche Schlitze aus seinen Augen. Er sagte, er sei für Haider. Oder für die PDS. Je nachdem. Und er stamme aus der Gosse.

Womöglich wollte er genau dafür gemocht werden.

Löwitsch hat außerdem keinen Wert auf sein Talent gelegt. Er hätte mehr aus sich herausholen können. Einen Teil seines Talentes, so könnte man sagen, hat er vergeudet. Ein großer Schauspieler, ja, das war er. Brecht hätte seine Freude an einem wie ihm gehabt, an dieser Kraft, an diesem gefährlichen Funkeln, das von ihm ausging. Er war wie Baal. Auf der Kippe. Eine brutale, direkte Virilität, hinter der sich vielleicht eine große Empfindsamkeit versteckte oder die vielleicht wirklich nur brutal und direkt war, wer weiß, beides ist möglich, wie Haider oder PDS, es kommt ganz auf das jeweilige Stück und die Umstände an.

Er war Baal. Aber er verbiss sich viel zu lange in die Rolle des Privatdetektivs Peter Strohm. 62 Folgen. Eine mittelmäßige Fernsehserie. Das wusste er, er sagte es oft genug. Ohne ihn wäre es eine schlechte gewesen. Er war für die action- und körperbetonte Rolle des Peter Strohm eigentlich zu alt. Vielleicht hat ihn genau das gereizt.

Löwitsch stammte aus dem Wedding, eine Architekten- und Ärztefamilie. 1945 war er neun, die Familie zog nach Wien. Der Vater starb. Die Mutter arbeitete in der Fabrik. Die Löwitschs stiegen sozial ab. Aber seine Mutter, die einst bei Mary Wigham gelernt hatte, brachte Klaus Löwitsch Ballett bei. Er tanzte aus der Gosse heraus. Erst mit knapp zwanzig wurde er Schauspieler. Als Schauspieler kämpfte er sich auf der sozialen Leiter wieder nach oben. Aber nicht sehr schnell. Wie sollte einer wie er locker sein?

Sein Leben lang pendelte er zwischen dem Theater, das er liebte, dem Fernsehen, das ihn berühmt machte, und dem Film, der für ihn den Namen Fassbinder trug. Neun Filme haben Löwitsch und Fassbinder zusammen gemacht. Im Fernsehen war er am besten in Heinar Kipphardts „März“. Da verausgabt er sich, da tobt er und rennt mit gesenktem Kopf gegen die Gummiwand der herrschenden Verhältnisse. Aufbegehren und Scheitern. Der Mann von ganz unten, der mit aller Kraft hoch will ans Licht und von miesen Arschlöchern zurück geschubst wird. Das war sein Spezialgebiet. Der „Kaukasische Kreidekreis“ im Deutschen Theater, der Actionheld, der Supermacho, der Schurkendarsteller: Klaus Löwitsch hat viel unter einen Hut bekommen, weit mehr als üblich. Als er vor einem Jahr auch noch vor Gericht stand, wegen sexueller Nötigung und Körperverletzung, begangen mit drei Promille im Blut, hieß es im „Spiegel", er sei ein „kleiner Kotzbrocken“ und wirke „wie eine Zeitbombe“, er könne sein Rollen und sein Leben nicht mehr auseinander halten.

Löwitsch hat getrunken. Er ist an Krebs gestorben. Er war stolz darauf, dass er nie Auftritte abgesagt hat, anders als Harald Juhnke. „Schauspieler ist ein Hurenberuf“ – das war einer seiner Lieblingssprüche. Löwitsch hat selten einen Freier ausgeschlagen, und je älter er wurde, desto häufiger sagte er: Es war ein Fehler.

Löwitsch, der große Schauspieler, der mit Götz George hätte mithalten können, wenn er ein anderer Mensch gewesen wäre als der, der er nun einmal war, sagte in einem Interview, er trinke, weil dann „die Energie aus mir rausläuft“. Er leide unter der Verzweiflung eines ehrgeizigen Künstlers. Er sei zu sensibel. Und zu eitel, um so sensibel zu sein. Damals arbeitete er gerade an einem Georg-Trakl-Hörbuch. Es heißt „Offenbarung und Untergang“.

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