Kultur : Unter dem Vulkan

Denken? Bei diesen Temperaturen? Unmöglich. Doch dann wird Transpiration zur Inspiration. Und in der Glut des Sommers beginnt die Fantasie zu flirren. Ein Streifzug durch die Literaturgeschichte der Hitze

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Und der vierte Engel goss aus seine Schale über die Sonne; und es wurde ihr Macht gegeben, die Menschen zu versengen mit Feuer. Und die Menschen wurden versengt von der großen Hitze und lästerten den Namen Gottes, der Macht hat über diese Plagen, und bekehrten sich nicht, ihm die Ehre zu geben.

Offenbarung des Johannes, Kap. 16, 8–9

Auch den Tantalos sah ich, mit schweren Qualen belastet. / Mitten im Teiche stand er, das Kinn von der Welle bespület, / Lechzte hinab vor Durst, und konnte zum Trinken nicht kommen. / Denn so oft sich der Greis hinbückte, die Zunge zu kühlen; / Schwand das versiegende Wasser hinweg, und rings um die Füße / Zeigte sich schwarzer Sand, getrocknet vom feindlichen Dämon.

Homer, Odyssee, Buch 11, 581 f.

Den ganzen Tag fleißig und still wegen der Hitze. Meine beste Freude bei der großen Wärme ist die Überzeugung, daß ihr auch einen guten Sommer in Deutschland haben werdet.

Goethe, 1. August 1787, „Italienische Reise “, Stiebner Verlag

Eine widerliche Schwüle lag in den Gassen; die Luft war so dick, daß die Gerüche, die aus Wohnungen, Läden, Garküchen quollen, Öldunst, Wolken von Parfum und viele andere in Schwaden standen, ohne sich zu zerstreuen. Zigarettenrauch hing an seinem Orte und entwich nur langsam. Dann Menschengeschiebe in der Enge belästigte den Spaziergänger, statt ihn zu unterhalten. Je länger er ging, desto quälender bemächtigte sich seiner der abscheuliche Zustand, den die Seeluft zusammen mit dem Scirocco hervorbringen kann, und der zugleich Erregung und Erschlaffung ist. Peinlicher Schweiß brach ihm aus. Die Augen versagten den Dienst, die Brust war beklommen, er fieberte, das Blut pochte im Kopf.

Thomas Mann, „Tod in Venedig“ (1913), S. Fischer Verlag

Und nun war doch ideales Wetter; nicht einmal auf Bestellung hätten sie einen prächtigeren Tag für ein Gartenfest haben können. Windstill, warm, keine Wolke am Himmel. Das Blau war nur von einem hellgoldenen Dunst verschleiert, wie das manchmal im Frühsommer vorkommt. Der Gärtner war seit dem Morgengrauen auf den Beinen, mähte und fegte den Rasen, bis das Gras und die dunklen, flachen Steine, wo die Maßliebchen geblüht hatten, zu leuchten schienen, und die Rosen (man hatte unbedingt das Gefühl, sie verstünden, dass Rosen die einzigen Blumen sind, die bei einem Gartenfest auf die Leute Eindruck machen; die einzigen Blumen, die jedermann mit Sicherheit kennt). Hunderte, ja buchstäblich Hunderte waren über Nacht aufgeblüht; die grünen Sträucher neigten sich, als hätte der Erzengel sie heimgesucht.

Katherine Mansfield, „Das Gartenfest“ (1922), Luchterhand Verlag

Es war kochend heiß auf dem Platz, als wir nach dem Lunch mit unseren Beuteln und dem Angelkasten herauskamen, um nach Burguete zu fahren. Auf dem Omnibus saßen schon eine Menge Leute, und andere kletterten eine Leiter hinauf. Bill stieg ebenfalls hinauf, Robert setzte sich neben Bill und ich ging zum Hotel zurück, um ein paar Flaschen Wein zum Mitnehmen zu holen. Als ich wiederkam, war der Omnibus überfüllt.

Ernest Hemingway, „Fiesta“ (1926), Rowohlt Verlag

Der Westwind weht, der den Menschen in neunzehn Stunden ausdörrt. Noch ist mein Schlund offen, aber schon hart und schmerzhaft. Ein leises Rasseln kann ich auch schon vernehmen. Bald kommt der Husten, den man mir beschrieben hat und auf den ich schon lange warte. Meine Zunge ist mir im Wege. Das Schlimmste aber ist, dass ich leuchtende Flecken sehe. Wenn diese zu Flammen werden, stürze ich zusammen. Wir gehen schnell, um die Kühle des jungen Tages auszunutzen. Wir wissen wohl, dass wir in der hellen Sonne nachher nicht mehr weiterkönnen. In der hellen Sonne.

Antoine de SaintExupery, „Wind, Sand und Sterne“ (1939), Karl Rauch Verlag

Es war ganz richtig, mit voller Geschwindigkeit in die Wüste hineinzufahren und keine Spuren zu hinterlassen.

Paul Bowles, „Himmel über der Wüste“ (1950), Rowohlt Verlag

Zwischen Schlaf und Träumen / In üppigen Wiesen / Wandert mein Blick auf / In die unendliche Höhen. / Welch ein schäumendes Leben! / Wolke auf Wolke entschwebt / Wie die glühenden Stunden, / Die werden versinken / Mitten ins dunkle Weh / Des moorigen Teiches. / Nichts regt sich in mir, / Durch die sengende Hitze / Bin ich in Ruhe geworfen. / Tag folgt auf Tag. / Meine Augen sehen sie immer, / Die goldene Sonne. / Einmal wird sie bleiben, / Dort, wo ein Schatten aufwölkt. / Bitterlich ist das Versäumen.

Ingeborg Bachmann, „Im Sommer“, Jugendgedicht, in: Werke Bd. 1, Piper Verlag

Sonnenbrand machte sich auf meinen Wangen bemerkbar und ich fühlte, wie die Schweißtropfen sich in meinen Brauen sammelten. Es war dieselbe Sonne wie an dem Tag, an dem ich Mama beerdigte, und wie damals tat mir besonders die Stirn weh, und alle Adern pochten gleichzeitig unter der Haut. Wegen dieses Brennens, das ich nicht mehr ertragen konnte, machte ich eine Bewegung nach vorn. Ich wusste, dass das dumm war, dass ich die Sonne nicht los würde, wenn ich einen Schritt weiter ginge. Aber ich tat einen Schritt, einen einzigen Schritt nach vorn. Und diesmal zog der Araber, ohne aufzustehen, sein Messer und ließ es in der Sonne spielen. Licht sprang aus dem Stahl, und es war wie eine lange, funkelnde Klinge, die mich an der Stirn traf. Im selben Augenblick rann mir der Schweiß, der sich in meinen Brauen gesammelt hatte, auf die Lider und bedeckte sie mit einem lauen, dichten Schleier. Meine Augen waren hinter diesem Vorhang aus Tränen und Salz geblendet. Ich fühlte nur noch die Zymbeln der Sonne auf meiner Stirn und undeutlich das leuchtende Schwert, das dem Messer vor mir entsprang. ... Mir war, als öffnete sich der Himmel in seiner ganzen Weite, um Feuer regnen zu lassen. Ich war ganz und gar entspannt und meine Hand umkrallte den Revolver. Der Hahn löste sich, ich berührte den Kolben, und mit hartem, betäubendem Krachen nahm alles seinen Anfang. Ich schüttelte Schweiß und Sonne ab.

Albert Camus, „Der Fremde“ (1953), Rowohlt Verlag

So weit das Auge reicht – nackte Felsen, eine aus Salztümpeln und Schottersteinen bestehende Wüste. Nachts glaube ich, sterben zu müssen vor Kälte, tagsüber quält mich die sengende Sonne. Ich bin gezwungen, den armseligen Fraß der Eingeborenen hinunterzuschlucken und habe äußerste Mühe, meinen Verstand nicht zu verlieren. Nur abends, wenn die Sonne untergeht, die Hitze nachlässt und die Kälte noch nicht da ist, gibt es ein Aufatmen. Wer einmal den fahlen, bleigrauen Schimmer dieser Felsenwelt bei untergehender Sonne erlebt, weiß nicht, an was er denken soll. Er empfindet eine Einsamkeit, die ihn an den Rand des Selbstvergessens führt.

Heinz Helfgen, „Ich radle um die Welt“ (1954), Bertelsmann Verlag

Als sie zum Wagen zurückkehrten, waren die Türgriffe zu heiß zum Anfassen. Ingham musste die Badehose ausziehen, um den Griff in die Hand nehmen zu können.

Patricia Highsmith, „Das Zittern des Fälschers“ (1969), Diogenes Verlag

Stundenlang spielten wir ohne ein Wort, von Zeit zu Zeit genötigt, unsere Coca- Cola-Kiste zu verrutschen, um im Schatten zu bleiben, das heißt: genötigt, immer wieder auf Sand zu sitzen, der gerade noch in der Sonne geglüht hatte. Wir schwitzten wie in der Sauna, wortlos über mein ledernes Steckschach gebeugt, das sich von unseren Schweißtropfen leider verfärbte.

Max Frisch, „Homo Faber“ (1977), Suhrkam p Verlag

In der zweiten Hälfte des Tages lagen wir unter dem Lastwagen, in einem schwachen, bleichen Schatten. In dieser Welt, umringt von lodernden Horizonten, war ich mit Selim das einzige Leben. Ich betrachtete den Boden, die umliegenden Steine. Ich suchte irgendein lebendes Wesen, etwas, das zitterte, sich bewegte, dahinkroch. Ich erinnerte mich, dass irgendwo in der Sahara ein kleiner Käfer lebt, den die Tuaregs Ngubi nennen. Wenn es sehr heiß ist, so sagen sie, wird der Ngubi von Durst geplagt und möchte trinken. Leider gibt es nirgends Wasser, ringsum ist nur glühender Sand. Weil er aber doch trinken will, macht sich der kleine Käfer zu einer Anhöhe auf, das kann eine kleine Sandwelle sein, und beginnt eifrig hinaufzuklettern. Das ist ungeheuer anstrengend, weil der heiße und lose Sand immer wieder nachgibt und das Käferchen hinunterreißt, zum Ausgangspunkt seines kraftraubenden Weges. Daher dauert es nicht lange und es beginnt zu schwitzen. Am Ende bildet sich an seinem Hinterleib ein großer Tropfen Schweiß. Dann unterbricht der Ngubi seinen Aufstieg, krümmt sich und taucht sein Mäulchen in diesen Tropfen. Er trinkt.

Ryszard Kapuscinski, „Afrikanisches Fieber“ (1998), Piper Verlag

Ich schaltete die Klimaanlage aus, er stand auf, schleppte sich zum Fenster und schaltete sie wieder an.

„Klimaanlagen sind ein Ausdruck der Zivilisation“, sagte er. „Außerdem ist mir schrecklich warm. Ich brauche das.“

Christian Kracht, „1979“ (2001), Verlag Kiepenheuer & Witsch

Es wurde heiß. Er roch den alten Schweiß in seinem Hemd, knöpfte es auf, und sie blickte ihn rasch einmal aus den Augenwinkeln an. Eine Fliege setzte sich auf ihr Knie, lief das Schienenbein hinunter, verschwand in dem aufgeschlitzten Hecht, dessen Kiemen sich manchmal noch bewegten, und DeLoo strich mit dem Grashalm über das andere Bein, den Schenkel hinauf. Sie schlug nach ihm lächelnd. „Wie mager du bist. Ich muss duschen.“ Sie stand auf, doch er hielt sie am Fußgelenk fest, blickte zwischen ihren Brüsten zu ihr hoch. Scheinbar spöttisch betrachtete sie seine Jeans und was sich darunter abzeichnete. „Na komm“, sagte sie, „Du bist noch gar nicht richtig verschwitzt.“

Ralf Rothmann, „Hitze“ (2003), Suhrkamp Verlag

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