Kultur : Unter den Brücken

Dem Saxofonisten Sonny Rollins zum 80.

Stefan Hentz
Heiligenschein. Sonny Rollins im Juli 2010 in Rotterdam. Foto: dpa
Heiligenschein. Sonny Rollins im Juli 2010 in Rotterdam. Foto: dpaFoto: dpa

Damals, unter der Brücke, da war Sonny Rollins ganz allein. Keine Nachbarn, die sich hätten gestört fühlen können, keine Zuhörer, die vom Eigentlichen ablenken, keine Kollegen, denen es der Saxofonist, der drei Jahre zuvor ein Album in treffender Unbescheidenheit „Saxophone Colossus“ genannt hatte, hätte zeigen müssen. An seinem Platz unter der Williamsburg Bridge konnte er üben, unbehelligt, spielen, grenzenlos, so viel und so laut er wollte. Zwei Jahre nachdem ihn die Kritiker des Fachmagazins „Downbeat“ zum besten Saxofonisten gekürt hatten, war er selbst offenbar anderer Meinung. Rollins zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und nahm sich noch einmal das kleine Einmaleins seiner Kunst vor: Arpeggios, Tonleitern, Harmoniefolgen, lange Töne, kurze Töne, laut wie eine Naturgewalt, leise wie ein zarter Sommerwind. Gleichzeitig änderte er sein Leben; von den harten Drogen hatte er sich schon vorher gelöst, nun war auch Schluss mit Rauchen, Alkohol, schlechtem Essen. Er verzichtete auf Bühne und Aufnahmestudio, auf die damit verbundenen Einkünfte und den Applaus und übte, Tag für Tag, stundenlang.

Heute ist Sonny Rollins eines der letzten überlebenden Schwergewichte der klassischen Periode des Jazz. Geboren am 7. September 1930 als Sohn von Einwanderern aus der Karibik, aufgewachsen nicht eben auf Rosen gebettet in Harlem, erste Auftritte mit elf Jahren und in rasendem Tempo in die erste Liga des modernen Jazz aufgestiegen. Mit zwanzig Jahren hing er an der Nadel und ließ sich bei einem bewaffneten Raubüberfall erwischen. Als er wieder auf der Szene auftauchte, spielte er mit Miles Davis und dem Modern Jazz Quartet, mit Thelonious Monk und Clifford Brown und erarbeitete sich den Ruf des (neben John Coltrane) führenden Saxofonisten seiner Generation.

Dabei ist es geblieben, auch wenn sich Rollins immer wieder rar machte, auf All-Star-Reunions und andere Produzentenspektakel verzichtete und den Preis für seine Auftritte durch gezielte Verknappung in die Höhe trieb. Rollins ist Rollins: ein improvisierender Musiker, der seine Sternstunden im Kreis seiner vertrauten Band auf der Bühne feiert, dort, wo er den Raum findet für die ungehemmte Entwicklung seiner Ideen.

Wenn Sonny Rollins heute auf der Bühne steht, noch immer groß und imposant, der Kopf umrahmt von einem Heiligenschein aus weiß leuchtendem Haar, dann ist das ein Ereignis. Sein Gang ist schwer geworden, zögernd, doch sobald er in seine Musik eintaucht, ist die ganze Spannung wieder da, stimmen Ton und Timing, Inspiration und Intensität. Rollins ist ein Improvisationswunder, jeder Melodie, jeder Kadenz oder Fermate ringt er immer neue Wendungen und Variationen ab, aus einem Minimum an vorliegender Information entwickelt er tonnenschwere Architekturen, uferlos in seiner Vorstellungskraft und aufgeladen mit Kraft und Ausdruck. Ein Musiker, der alles um sich herum wegspielt, bis nur noch eine einzige Stimme im Raum zählt. So wie damals unter der Brücke: ein Koloss der Musik, allein für sich und mit seiner Musik im Reinen. Stefan Hentz

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