Kultur : Unter der Discokugel

Ina Geißler und Axel Anklam arrangieren ihre Arbeiten bei Wagner + Partner.

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Lichtreflexe. In Geißlers Bildern der Serie „Broken Signs“ (2011). Foto: Wagner + Partner
Lichtreflexe. In Geißlers Bildern der Serie „Broken Signs“ (2011). Foto: Wagner + Partner

Gitter, Quadrate, Vielecke: scharfe Ecken und Kanten, scheinbar unvereinbar mit einer Rundform. Dennoch ist Ina Geißler die Quadratur des Kreises gelungen. Ihre Serien „Broken Signs“ (je 6000 Euro) und „Bound Sourround“ (je 3000 Euro) in der Galerie Wagner + Partner vereinen das Unvereinbare. Mit Eitempera malt die Berliner Künstlerin Schicht um Schicht, die Farben mischt sie selbst, weshalb die Zusammensetzung der Pigmente und ihre Farbwirkung jedesmal ein bisschen anders ist. Zwischendurch klebt sie Teile des Bildes ab, für ein Werk braucht sie knapp einen Monat.

Geißlers Werke wecken die Assoziation an Discokugeln mit ihren irrlichternen Lichtreflexen, immer changierend, nie gleich, stets in Bewegung. Die Kugel ist allgegenwärtig, auch wenn in manchen Bildern keine einzige runde Form zu finden ist. Raster und Gitter, ineinander verschränkt, auseinandergleitend und doch zusammengehörig, bilden Körper, die sich zu drehen scheinen. Geißlers Bilder wollen im Original betrachtet werden, als fotografische Reproduktion wirken sie nicht. Um ihre volle Wirkung zu entfalten, müssen sie aktiv erforscht werden.

In „Broken Signs 6“ schieben sich die an ein Planetensystem erinnernden Ringe innerhalb eines riesigen Globus ineinander, Längengrade wandern, Vierecke schwanken. Diese Neuordnung, der ständige Wandel, geben der Ausstellung ihren Namen: „Eunomia“. Eunomia, eine der antiken Horen, ist für Ordnung zuständig.

Im Vergleich zu früheren Arbeiten lässt sich Geißler bei „Broken Signs“ von der Aquarellmalerei beeinflussen. Weniger scharfe Formen, keine stark abgegrenzten Gerüste mehr – Schwarz hat sie ganz aus ihrer Palette verbannt. Stattdessen satte Farben, manchmal nicht mehr knallig sondern fast pastellig. Sie springen den Betrachter nicht an, sind aber trotzdem so dominant, dass die Galerie sich entschieden hat, die zeitgleich ausgestellten Skulpturen von Axel Anklam (7500–15 000 Euro, Auflage: 1–4) dezent zu halten. Feiner Draht und helle Töne lenken weniger von Geißlers Bildern ab als jene Werke, in denen der Bildhauer mit Blutrot oder Kobaltblau experimentiert. Dennoch wirken auch die Skulpturen klar und kraftvoll, schafft jeder Wechsel von Licht und Blickwinkel atmosphärische Veränderung.

Anklams Skulpturen sind amorphe Gebilde, Geißler versteht ihre geometrische Formen als Leerstellen, die gefüllt werden wollen: „Meine Bilder sind ein bisschen wie Kaffeesatz-Lesen.“ Sie liefern Unerwartetes, reagieren auf jede Bewegung. In „Bound Surround“ verschlingen Bänder ihre Umgebung aus Gitter und Eckigem zu einem kompakten und doch beweglichen Knäuel. Geißlers Bilder erinnern an ihre Klanginstallation „Unterton“ am Martin-Gropius-Bau: Dort werden Morsezeichen, die man ebenfalls als starres Gerüst kennt, aufgebrochen, neu arrangiert. Ihre Bedeutung? Für jeden anders, alles ist möglich. Wie beim Kaffeesatz.

Galerie Wagner + Partner, Karl-Marx- Allee 87; bis 3. 3., Di–Sa 12 –18 Uhr

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