Kultur : Unter der Haut

Die Galerie Sander zeigt die eindrucksvolle Ausstellung „London School“ in Berlin

Michaela Nolte

Mit ihrem gediegenen Programm der internationalen Nachkriegsmoderne hat sich die Darmstädter Galerie Sander rund ein Jahr nach der Eröffnung ihrer Filiale in Berlin-Mitte auch in der Hauptstadt als feste Größe für exquisite Malerei etabliert. Ein Anbau für die Klassische Moderne ist geplant und soll im kommenden Frühjahr eröffnet werden. Mit der Ausstellung „School of London“ setzt die Galerie aber schon jetzt einen fulminanten Höhepunkt. Nach mehrjähriger Vorbereitungszeit ist es Hans-Joachim Sander gelungen, eine ebenso vorzügliche wie auf dem Berliner Kunstmarkt seltene Auswahl an Gemälden und Papierarbeiten von Francis Bacon und Lucian Freud zusammenzustellen, die in der Ausstellung Werke von Frank Auerbach und Leon Kossoff flankieren.

Leuchtendes Zentrum sind Francis Bacons großformatiges „Gemälde 1990“ und der im gleichen Jahr entstandene „Männliche Akt vor dem Spiegel“. Preise im siebenstelligen Euro-Bereich werden hier erwartet, ebenso wie für die Originale von Freud, dessen kleine Radierung „Susanna“ mit 22 000 Euro die untere Grenze bildet. Zwei Jahre vor seinem Tod erscheinen Bacons Körper geklärter als in den berühmten Papst- und Körper-Studien der sechziger und siebziger Jahre, ohne jedoch an elementarer Kraft eingebüßt zu haben. Der Fleck des Zufalls, den Bacon in einem Interview mit Margerite Duras 1971 als zentrales Moment seiner „technischen Fantasie“ beschrieb, subsumiert in „Gemälde 1990“ das Bewegungsmoment gleich einem Einschussloch im Oberschenkel. Die zuvor zügigen, rauen Pinselhiebe sind einer klaren Zeichenhaftigkeit gewichen, welche die „Erschütterung, die man im Leben vor der ,Natur’ empfindet“ (Bacon) resümiert.

Den Auftakt machen Gemälde und Radierungen Lucian Freuds, dessen „Kopf eines nackten Mädchens“ die ungebändigte Fleischlichkeit seiner „naked portraits“ noch im detailiert wiedergegebenen Antlitz widerspiegelt. Selbst den schwarzweißen Radierungen der neunziger Jahre ist diese sezierende Sinnlichkeit eigen – mit wenigen, prägnanten Konturen in „Frau mit einem Arm-Tattoo“, dann mit geballten, tief geätzten Strichen im „Selbstporträt: Reflexion“. Das „Mädchen am Kai“ von 1941 zeigt der junge Freud hingegen in delikater Peinture, die Qualität der Farbe noch auslotend. Später wird der „Ingres des Existenzialismus“ (so der englische Kunsthistoriker Herbert Read) sagen: „Für mich ist die Farbe die Person.“

Ähnlich könnten es auch Leon Kossoff und Frank Auerbach formulieren, doch kommen sie zu völlig anderen Ergebnissen. Denn was die „School of London“ eint, ist mitnichten ein einheitlicher Stil, sondern ihre konsequente Weiterentwicklung der Figuration seit den fünfziger Jahren. London war und ist allen Lebensmittelpunkt, die Künstler sind einander freundschaftlich verbunden und frönen einer verwandten Lust an der Irritation und Beunruhigung des Betrachters. Doch die Darstellungsformen zeigen vier Individualisten, deren Vielschichtigkeit dem Sujet des menschlichen Körpers immer wieder Grenzen abgerungen und diese erweitert haben.

Leon Kossoffs 1972 entstandenes „Selbstporträt II“ (70 000 Euro) vereint einen hochsensiblen Ausdruck mit ausgeprägter Farbmaterialität, die in dem Frauenakt „Fidelma I“ (130 000 Euro) noch einmal eine virtuose Steigerung erfährt. Der 1926 in London geborene Sohn russischer Emigranten lotet stets aufs Neue die Autonomie der Farbe aus, wobei sich diese nie vom Gegenstand löst, sondern die Ehrfurcht, mit welcher der Künstler dem Menschen begegnet, spürbar werden lässt. Aus pastosen Farbschichten entstehen die Körper-, Gesichts- und Stadtlandschaften, durchwoben von einem Netz informeller Linien, die bei Kossoff jedoch bewusst komponiert erscheinen.

Die Entwicklung dieser von der Materie durchdrungenen Malerei zeichnet die Ausstellung vortrefflich an Frank Auerbachs sechs Bildern aus sechs Jahrzehnten nach. Auerbach, wie Freud gebürtiger Berliner und ebenfalls vom Faschismus ins Exil getrieben, war bislang, trotz prominenter Auftritte wie auf der Biennale in Venedig, wo ihm 1986 der Goldene Löwe verliehen wurde, in seiner Geburtsstadt wenig präsent. Das mag an der Zurückgezogenheit des 1931 geborenen Künstlers liegen, der dem Londoner Norden ebenso die Treue hält wie seinen Modellen, mit denen er über Jahrzehnte zusammenarbeitet. Dass aus einem solch engen Lebens- und Beziehungsradius ein immenses Schöpferpotenzial entstehen kann, lässt sich allein an den zwei Bildnissen von „JYM“ aus den Jahren 1963/64 (100 000 Euro) und zwanzig Jahre später als dynamisch konturierter „Kopf von JYM“ (150 000 Euro) ablesen.

Wenn gegenwärtig die Renaissance der figurativen Malerei in Deutschland gepriesen wird, so stehen diese Maler beispielhaft dafür, dass die Figuration nie vergessen war. Dass die Figuration nach der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik anrüchig war, ist nur zu gut verständlich, doch vielleicht fehlte es auch an einem so herausragenden Künstler wie Francis Bacon. Denn die Debatten zwischen Realismus und Abstraktion wurden in London nach dem Zweiten Weltkrieg ebenso leidenschaftlich geführt wie in Berlin. Doch die „School of London“ behauptete sich in diesem Kampf trotzig und kreativ und feierte in Zeiten „Individueller Mythologien“ den malerischen Mythos des Individuums.

Galerie Sander, Tucholskystraße 38, bis 23. August; Dienstag bis Freitag 11–19 Uhr, Sonnabend 11–16 Uhr.

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