Kultur : Unter der Kapuze

Fast unbemerkt haben sich in Berlin spanische Künstler und Galerien etabliert

Simone Reber

„Früher habe ich in Berlin jeden einzelnen Spanier umarmt, heute sind es zu viele“, lacht der Maler Antonio Mesones. Tatsächlich haben spanische Künstler in den letzten Jahren fast unbemerkt ein feines Netz in Berlin gesponnen. Ein Netz, dessen Fäden am glamourösen Zentrum vorbeilaufen – hin zu den fransigen Rändern der Stadt.

Ein Netz, das gerade leise bebt. Denn nicht nur die Arco, Spaniens wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst, leidet unter der Wirtschaftskrise; das ganze Land hat es kalt erwischt. Mesones und sein Kollege Paul Ektaiz kommentieren die düsteren Nachrichten aus Spanien mit Galgenhumor. Ihr Projektraum „Invaliden1“, der gerade in die Brunnenstraße 22 umgezogen ist, hat sich nie als kommerzielle Galerie verstanden. Sechs Künstler, vier Spanier und zwei Portugiesen, haben sich zu dieser Produzentengalerie zusammengeschlossen. „Invaliden1“ soll vor allem dem Austausch mit anderen Künstlern dienen und wird von der spanischen Botschaft unterstützt.

Anders als in den Vorjahren kennt Itziar Taboada, die Leiterin der Kulturabteilung an der Spanischen Botschaft, ihren Etat für 2009 allerdings noch nicht. Die Szene spanischer Künstler in Berlin ist so groß, dass sie inzwischen einen Schwerpunkt ihrer Arbeit ausmacht. Langfristig denkt Itziar Taboada sogar darüber nach, eine kuratierte Ausstellung mit spanischer Kunst aus Berlin zu initiieren. Der Mythos Berlin hat die Künstler gelockt, der Immobilienboom in Spanien hat sie fortgetrieben. Inzwischen ist der Immobilienmarkt zusammengebrochen, aber immerhin: Die spanischen Banken, die in der Vergangenheit gute Geschäfte im eigenen Land machen konnten, sind nicht in den Strudel amerikanischer Eigenheimkredite geraten. Gut für die Künstler, denn die Banken bieten wertvolle Stipendien. Ignacio Uriarte jedenfalls wirkt sehr zufrieden, er hat gerade das höchstdotierte Stipendium des Landes erhalten.

Der 36-Jährige kommentiert seine Arbeit in lupenreinem Deutsch. Uriarte wurde als Sohn spanischer Eltern in Krefeld geboren, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete in der Industrie, bevor er sich für die Kunst entschied. Seine feinsinnigen Experimente sind aus den Fantasien eines Büroangestellten entstanden, aus dem Spiel mit Druckerpatronen, Kopierpapier und Excel-Tabellen. Uriarte lässt Aktenordner tanzen und Tintenkleckse tropfen. In der Ausstellung seiner Galerie Feinkost (Bernauer Straße 71/72, bis 22.2.) entwickelt die farblose Welt des Büros einen zarten Zauber.

Der Glaspavillon von Feinkost liegt gegenüber dem ehemaligen Todesstreifen. Einen Steinwurf von Mitte entfernt, ist hier spürbar Wedding, geradezu gespenstisch wirkt am Abend die nahe Koloniestraße. Durch das leere Hinterhaus der Nr. 131 geistern zwei Mönchsgestalten mit heruntergezogenen Kapuzen. Im vierten Stock glüht Kohle im Kachelofen, und Creixell Espilla begrüßt die Besucher enthusiastisch. Ihr Geld verdient die Kunsthistorikerin als Projektmanagerin der Volta-Schau in Basel. Sie bietet spanischen Künstlern die Gelegenheit, zwei oder drei Monate in Berlin zu wohnen und im Anschluss ihre Arbeiten zu zeigen. Begeistert erklärt Espilla die düsteren Gedankengebäude des katalanischen Künstlers Kafre, eine Mischung aus Grafitti und mittelalterlicher Buchkunst. In ihren Augen haben die Spanier erst dreißig Jahre nach dem Ende der Diktatur gemerkt, dass sie zu Europa gehören. Jetzt aber befinde sich Spanien im Aufbruch.

„Man muss weggehen, um sich zu finden“, begründet Irene Pascual die Sehnsucht nach der Ferne. Die Malerin leitet das Kunstzentrum GlogauAir, das der renommierte Fotograf Chema Alvargonzález vor vier Jahren in Kreuzberg gegründet hat. Zehn Stipendiaten wohnen und arbeiten in der ehemaligen Schule, fünf Künstler im Jahr kommen aus Spanien. In den Bildern von Irene Pascual begegnet man den kraftvollen Farben der deutschen Expressionisten und den Sehnsuchtsfarben der Südsee.

Farbe pur ist auch in der Galerie Kai Hilgemann (Zimmerstraße 90, bis 7.3.) zu erleben. Dort zerlegt Manuel Ros aus Mallorca die Form des Würfels in geometrische Landschaften, die mal an reklamebeleuchtete Großstadtstraßen, mal an mediterrane Kachelmuster erinnern. Penibel zieht Ros seine Linien. Nur mühsam zähmt er die Wildheit seiner Farben.

Gibt es also einen gemeinsamen Nenner in der spanischen Gegenwartskunst, wie sie sich in Berlin präsentiert? Sind es die Farben, die Auflehnung gegen eine starre Ordnung, die Strenge der Künstler mit sich selbst? „Nein“, widerspricht Maribel Lopez, „Gemeinsamkeiten gibt es nicht.“ Die quicke Katalanin hat ihre Galerie vor gut einem Jahr im S-Bahn-Bogen 54 an der Jannowitzbrücke eröffnet. Ihr Programm ist international, aber natürlich kommen viele Künstler aus Spanien. Ihre Kunden ebenso. Lopez hat zum ersten Mal an der Arco teilgenommen. Die Stimmung unter den Galeristen war angespannt. Aber ein Kollege hat sie getröstet: „Sei froh über die Krise, im ersten Jahr verkaufst du sowieso nichts, da hast du wenigstens eine gute Erklärung.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar