Kultur : Unter der Lupe

Dieter Beaujean

Nach 35 Jahren Arbeit für die Berliner Museen verabschiedet sich Alexander Dückers mit einer Ausstellung zum 1. August in den Ruhestand. Seit 1984 wurde mit seiner Ernennung vom Kustos zum Direktor der bedeutenden Berliner Altmeistersammlung die zeitgenössische Kunst zu einem vorrangigen Forschungsschwerpunkt ausgebaut. Seit 1975 stellte Dückers von ihm erworbene moderne Kunst aus. Die nun unter dem Titel "Von der Dürerzeit zur Postmoderne. Erwerbungen. Stiftungen. Dauerleihgaben 1996 - 2002" gezeigten Arbeiten spiegeln zwar eine Spanne vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart, doch in zeitlichen Sprüngen, mit wenig Altmeisterkunst. Trotzdem setzt Rembrandts Radierung "Der Waldsee" von 1640-45 - mit 3,8 mal 8,2 Zentimeter das kleinste Objekt, mit rund 250 000 DM die wohl teuerste Anschaffung der letzten Jahre - einen Höhepunkt. Ein Wirrwarr feinster Linien offenbart erst bei näherer Betrachtung ikonographische Details; nachfragenden Spürnasen werden Lupen gereicht.

Nach schmerzlichen Verlusten, den Veräußerungen von als entartet verleumdeter Kunst durch die Nazis und Diebstählen in den Wirren der Nachkriegsjahre, konnten für das Kupferstichkabinett wertvolle Stücke wiedergewonnen werden: ein Florentiner Stundenbuch von 1480 und vier farbige Studien von Menzel, komplexe Naturentwürfe wie filigrane Beobachtungen, befanden sich bereits vor dem Krieg in der Sammlung. Arbeiten von Edvard Munch und Otto Mueller wurden zurückgekauft. Mit Munchs Lithographie "Die Sünde" und Ernst Ludwig Kirchners Holzschnittzyklus "Absalom" wurde auf Vorhandenes klug aufgebaut.

Die Kunst nach 1945 ist am stärksten vertreten. Pablo Picasso, Claes Oldenburg, Sol LeWitt, Richard Tuttle und Rachel Whiteread stehen als qualitative Garanten ihrer Zunft. Die Monotypie "ohne Titel" von Per Kirkeby und Claes Oldenburgs "Study for a Sculpture in the Form of a Bouquet" wurden als Modell für Einladungskarte und Plakat geehrt. Jasper Johns wird mit seiner Farblithographie "Decoy" von 1971, die nicht enträtselbare Intellektualität vorstellt, gleich zum Höhepunkt der Druckgraphik der zweiten Jahrhunderthälfte stilisiert.

Die genauere Betrachtung der Bildbeschriftungen offenbart eine weitere Fähigkeit von Alexander Dückers: in Zeiten kleinster oder gar keiner Erwerbungsetats konnte er rund 50 Institutionen, Stiftungen und Privatpersonen als Unterstützer gewinnen und mit der Graphischen Gesellschaft einen Förderverein initiieren, der "exklusiver und reicher" als die "Freunde der Nationalgalerie" sein soll. Bei all diesem Kommen und Gehen im Kupferstichkabinett wird der neue Direktor besonders sportliche Ambitionen mitbringen müssen: die Messlatte blieb beim scheidenden Dückers auf Rekordhöhe liegen.

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