Kultur : Unter Drosselkönigen

Die Arco Madrid stellt sich als erste große Kunstmesse 2013 der europäischen Wirtschaftskrise.

Uta Reindl
Zeichensprache. Die Galerie Lelong bringt das Gemälde „Vanguard Manthis“ (2011) von Juan Uslé mit auf die Messe. Foto: Lelong
Zeichensprache. Die Galerie Lelong bringt das Gemälde „Vanguard Manthis“ (2011) von Juan Uslé mit auf die Messe. Foto: Lelong

„Unser Land ist eine Wüste. Doch vielleicht schafft es die Arco dorthin, wo es regnet.“ So optimistisch klang Carlos Urroz als Chef der wichtigen Madrider Kunstmesse im vergangenen Jahr. Die Geschäfte der letzten Arco waren unerwartet gut gelaufen, obwohl das Land bereits von der Krise gezeichnet war. Das lag zum einen an Urroz’ Qualitätskontrollen bei den teilnehmenden Galerien wie der von ihnen mitgebrachten Kunst. Zum anderen profitierte die Messe von den immer noch kursierenden Geldern der Immobilienblase und reichen Sammlern Spaniens, „von denen immer mehr die zeitgenössische Kunst attraktiv finden“ (Urroz).

Inzwischen hat sich die Lage auf der iberischen Halbinsel dramatisch zugespitzt, wird Spanien von Korruptionsskandalen in Politik und Wirtschaft erschüttert. Obwohl die aktuelle Ausgabe der Arco ab Mittwoch, 13. Februar, unter einem erheblich schlechteren Stern steht, sieht Urroz die größte Kunstmesse Europas weiterhin „als Chance für Galerien wie Sammler“ – und als „Oase“ in fraglos harten Zeiten.

Mit einem Werbeetat von 450 000 Euro übertrifft sich die spanische Messe in diesem Jahr förmlich selbst und lädt 250 Sammler wie Kuratoren ein, bei denen der Anteil internationaler Gäste – darunter eine Fraktion aus den USA – nie zuvor so hoch war. Das ist eine wichtige Strategie für ein Land, in dem das Sammeln erst durch die Kunstmesse zur zeitgenössischen Kunst gefunden hat.

Doch besonders den spanischen Sammlern von mittelpreisiger Kunst wird in diesem Jahr der Kunstkauf schwer gemacht. Hat doch die rechtskonservative Regierung zur Stützung der krisengeschüttelten Banken 2012 die Mehrwertsteuer für Kunst von 18 auf 21 Prozent angehoben. Sicher werden die spanischen Institutionen und Museen, die auf der Arco traditionell zwar als großzügige Käufer auftraten, aber bereits in der vorletzten Saison deutlich deutlich weniger erwarben, ihre Ankaufspolitik aktuell nicht wieder korrigieren. Etliche Museen in Spanien haben bereits ob der katastrophalen Etatkürzungen ihr Programm gedrosselt. Manche Häuser geben Leihgaben an Sammler zurück, weil es ihnen an Personal, Depotraum oder Versicherungsbudget fehlt. Betroffen sind vor allem Institutionen und Ausstellungshäuser außerhalb Madrids in der immer provinzieller werdenden Kulturperipherie. Von dort zieht es einige Galerien wie Nogueras Blanchard aus Barcelona oder Moises aus Pamplona in die Landeshauptstadt, wo sie es zunächst mit einer Dependance versuchen.

Die Arco kann sich bislang auf ihre Anziehungskraft verlassen und verzeichnet mit 202 Galerien aus 30 Nationen konstante Zahlen. Aus Berlin reisen zahlreiche Teilnehmer an; darunter Campagne Première, Carlier Gebauer, Dittrich & Schlechtriem, Georg Nothelfer, Gregor Podnar, Isabella Bortolozzi oder Kuckei + Kuckei. Bloß die US-amerikanischen Galerien machen sich rar, genau wie die russischen. Urroz beunruhigt das nicht unbedingt, er will „die Arco auf den europäischen Markt fokussieren und sich noch dezidierter der lateinamerikanischen Kunst öffnen“. Das ist im Sinne der Madrider Messe, die sich schon zur Gründung vor 31 Jahren vorgenommen hatte, eine Brücke nach Lateinamerika zu schlagen. Die Miami Basel mit ihrem Schwerpunkt auf lateinamerikanischer Kunst ist für Urroz keine Konkurrenz, da etliche lateinamerikanische Künstler in Spanien leben oder mit Galerien dort zusammenarbeiten wie das Künstlerkollektiv Los Carpinteros oder der Medienkünstler Carlos Garaicoa aus Kuba. Das kuratierte Arco-Sonderprogramm Solo Projects fokussiert in dieser Ausgabe auf 23 lateinamerikanische Künstler.

Ein weiteres Novum ist die virtuelle Plattform „Arco Collect Online“, auf der man unabhängig von einem Messebesuch schon jetzt Kunst ab 5000 Euro erwerben kann. Der traditionelle Länder- oder Metropolenschwerpunkt der Arco liegt diesmal auf Galerien aus der Türkei. Eine Entscheidung mit Perspektive, bestimmt die Kunstwelt der Türkei doch seit einigen Jahren ein Boom, der sich vorrangig auf private Initiativen in der türkischen Kapitale stützt. Vasif Kortun, der schon auf den Biennalen von Venedig oder Sao Paolo kuratierte, ist verantwortlich für die Auswahl der zehn Galerien, die von der Arco eingeladen wurden. Viele Museen und Galerien im Zentrum Madrids greifen den diesjährigen Messeschwerpunkt auf und zeigen türkische Kunst, so das renommierte Museum Reina Sofía oder die für ihre spannenden Programme bekannten Zentren La Casa Encendida und das Matadero Madrid.

Arco Madrid, 13.–17.2.; www.ifema.es/ferias/arco/default.html

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben