Kultur : Unter Halsabschneidern

Francis Poulencs „Gespräche der Karmelitinnen“ an der Komischen Oper

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Ora et labora. Die Nonnen von Compiègne in Calixto Bieitos Berliner Inszenierung. Foto: Braun/drama-berlin.de
Ora et labora. Die Nonnen von Compiègne in Calixto Bieitos Berliner Inszenierung. Foto: Braun/drama-berlin.deFoto: Braun/drama-berlin.de

Todesangst mischt sich mit der Furcht vor dem Leben, tiefster Katholizismus trifft auf das sausende Beil der Guillotine – das klingt fast schon wie die Ausschreibung einer neuen Mission für Calixto Bieito. Der katalanische Regisseur, dem Drastik notwendiges Mittel zur Klärung der Bühnenverhältnisse ist, steht bei seiner vierten Arbeit an der Komischen Oper nach „Entführung aus dem Serail“, „Madame Butterfly“ und „Armida“ unter einem absurden Erwartungsdruck: Wohin kann er die Spirale der Gewalt noch treiben bei einem Stück, das mit der Ermordung praktisch aller Akteure auf offener Szene schließt? Das nicht zufällig „Gespräche der Karmelitinnen“ heißt und ein fragiles Kammerspiel ist, Ringen um einen Glauben jenseits der Angst?

Calixto Bieito, der Jesuitenschüler, ist gewitzt genug, um nicht in die selbstgestellte Falle zu gehen. In seinem Kloster gibt es keine Orgien, das Kreuz wird hier nicht zweckentfremdet und am Ende nur ein Hals mehr als unbedingt nötig öffentlich durchschnitten. Es scheint, als hätte der französische Komponist Francis Poulenc mit seiner 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführten und frenetisch gefeierten Oper den Berserker, den Ausdrucksextremisten Bieito sanft gestimmt. Als wäre Poulencs ungebrochener Lyrismus eine Bastion, die nicht zu schleifen ist. Und die menschliche Stimme etwas unzerstörbares, das selbst dann nicht verstummt, wenn Kopf von Rumpf getrennt wird.

Man spürt, dass es Bieito zunächst schwerfällt, ein Schwungrad zu finden für diesen Abend, der immer wieder in Pausen erstarrt. Man spürt auch seine Mühe, sich zu einem Frauenbild jenseits der klassischen Pathologisierung durchzudringen. Die Nonnen des Karmelitinnen-Klosters von Compiègne tunkt er in die Bleiche Freud’scher Hysteriebetrachtungen, deren fleischgewordene Projektion stumm in den Gemäuern umherspukt, wirren Haars, rollenden Auges, nackt in eine Strumpfhosenpelle gestopft.

Auch die junge Adelige Blanche (flatterig: Maureen McKay), die in diesen Mauern Zuflucht vor einer Angst sucht, die sie ihr Leben lang verfolgt, wird erst einmal konvulsiv in die Gemeinschaft eingeführt. Kein Kreuzgang dient diesen Nonnen zur Erbauung, sie hocken eingepfercht auf viergeschossigen Stahlbetten wie auf einem Hochlager, festgehalten in einem Zwischenstadium zwischen aufgegebenem Leben und gefürchtetem Tod (Bühne: Rebecca Ringst).

Der Angst kann man nicht entkommen, ebenso wenig wie dem Tod. Im Kloster stirbt die Priorin einen röchelnden Tod, voller Verzweiflung und Verlassenheit, wie es ihn im Glauben eigentlich gar nicht geben sollte. Dabei empfand auch Jesus Todesangst und wollte lieber leben. Christiane Oertel spielt und singt einen erbarmungslos bitteren Abschied der Priorin aus diesem Leben, dessen Nachbeben erst von der Räumung des Klosters und der Verurteilung der Nonnen durch das Revolutionstribunal übertönt wird. Bieito lässt das alles ohne weitere Eingriffe geschehen. Denn ein anderer hat längst die Regie übernommen, im Graben.

Stefan Blunier, der Bonner Generalmusikdirektor, findet mit dem zum Saisonende blendend disponierten Orchester der Komischen Oper einen soghaften Zugriff auf Poulencs Partitur. Auch in der Stille, in den Lücken, die Bieito reißt, pulst die Musik weiter. Ein Kontinuum des Zweifels und Suchens, das blitzschnell seine Form ändern kann, sich metallisch schärft und filmische Überblendungen des Bewusstseins zulässt. Eine Seelenmusik, unverzärtelt und doch immer textverständlich musiziert, von den Sängern bewegend getragen: der resoluten Mutter Marie Irmgard Vilsmaiers, der irrlichternden Schwester Constance Julia Giebels oder der allversöhnend strahlenden neuen Priorin von Erika Roos. Bravi für ein echtes, beherztes Ensemble, das kein Regieschock wecken muss.

Weitere Aufführungen am 30. Juni sowie am 3., 9. und 16. Juli

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