Kultur : Unter Hirschen

Breites Grinsen, dicke Zigarre: Männer inszenieren ihre Macht. Wie wird Angela Merkel damit umgehen?

Miriam Meckel

Das unterschiedliche Machtverständnis von Männern und Frauen zeigt sich vornehmlich in der Freude an der Inszenierung. Übrigens nicht nur in der Politik. Oder kann sich irgendjemand eine Vorstandsvorsitzende vorstellen, die sich à la Jürgen Schrempp mit breitem Grinsen und dicker Zigarre für die Medien ablichten ließe? Das gibt es so nicht – zum einen, weil es keine weiblichen Vorstandsvorsitzenden gibt. Zum anderen, weil die Insignien der Macht aus einer Männerkultur stammen (woher auch sonst?) und für Frauen schlichtweg tabu sind.

Die kommunikative und symbolische Komponente dieses erworbenen Machtbewusstseins kann so bedeutsam sein, dass ein Herrscher lieber sein Reich zerschlägt als nachzugeben. Auslöser dafür ist oft die „gemeine Eitelkeit“, die Max Weber schon in „Politik als Beruf“ als größte Versuchung und Sünde des Politikers identifiziert hat. Wenn das Machtstreben aus dem Dienst an der Sache heraustritt, gerät auch die Verantwortung aus dem Blick. Beispiel Edmund Stoiber: Er hat Merkel immer wieder gemobbt und bereits ihre erste Kanzlerkandidatur in Wolfratshausen verfrühstückt. Irgendwann wollte er dann doch der mächtigste Mann im Bund werden. Aber nicht der mit der größten politischen Verantwortung. Deshalb hat er die Koalitionsverhandlungen erschwert und ist jetzt zurück auf Los gegangen. Es gibt „keine verderblichere Verzerrung der politischen Kraft als das parvenümäßige Bramarbasieren mit Macht und die eitle Selbstbespiegelung in dem Gefühl der Macht“, sagt Max Weber. Punkt.

Beispiel Andrea Nahles. Die Freude an ihrem Sieg währte denkbar kurz. Nur wenige Minuten nachdem der Parteivorstand sie mit 23 zu 14 Stimmen als Kandidatin für den Posten des SPD-Generalsekretärs nominiert hatte, gefror der SPD-Politikerin das Lachen. Franz Müntefering machte aus der kurzzeitigen Siegerin schnell wieder eine Verliererin: Im Nu stand die politische Hoffnungsträgerin als „Königsmörderin“ da.

Hatte dieses irre Intermezzo der SPD mitten in den Koalitionsverhandlungen noch mit politischer Rationalität zu tun? Es hatte. Noch mehr aber mit der Ungehörigkeit weiblicher Machtansprüche. Dabei hat sich Andrea Nahles nur der Muster bedient, die in der männerbestimmten Politikwelt gängig sind. Oskar Lafontaine trug auch keine Samthandschuhe, als er Rudolf Scharping auf dem Mannheimer Parteitag 1995 an den Kragen ging.

Von Frauen in der Politik erwartet man freilich andere Verhaltensmuster. Nahles hat verlangt, dass die Organisation von Macht in der Partei nach den Regeln und in den Gremien erfolgt, die dafür vorgesehen sind. Müntefering hat verlangt, dass diese demokratischen Grundregeln zugunsten seiner persönlichen Machtposition zurückstehen müssen. Damit ist schon ziemlich viel gesagt über das Verhältnis von Frauen zur Macht und Männern zur Macht.

Unterschiede gibt es aber nicht nur im Machtverständnis von Frauen und Männern, sondern vor allem in deren Machtwahrnehmung. Andrea Nahles hat keinen Putsch angeführt, sondern sich lediglich einer geheimen Wahl gestellt. Nun muss sie sich für die Regel entschuldigen, nicht Müntefering für die Ausnahme. Damit ist ziemlich viel gesagt über die öffentliche Wahrnehmung der Macht von Frauen und Männern.

Das Problem hat natürlich auch die nach Einschätzung des „Wall Street Journal“ derzeit weltweit mächtigste Politikerin: Angela Merkel. Sie muss als künftige Kanzlerin alle Situationen des politischen Alltags durchstehen – von der politischen Repräsentation zur politischen Konfrontation –, und sie muss sich für viele dieser Situationen neu erfinden. Kann eine Bundeskanzlerin im Zuge einer engagierten parteipolitischen Rede das Jackett ablegen, die Ärmel aufkrempeln und schwitzend den Saal agitieren? Kann sie Parteifreunde oder nahestehende Staatsgäste mit einem beherzten Schlag auf den Rücken begrüßen? Vermutlich kann sie das nicht. Aus Mangel an Vorbildern gibt es keine weibliche Kultur der Machtinszenierung. Deshalb müssen Frauen sie erfinden, wenn sie denn wollen.

Angela Merkel will augenscheinlich nicht. Jedenfalls nicht nach den bekannten Regeln. Sie hat Freude an der Macht, einen ausgeprägten Machtinstinkt und die gewisse Bissfestigkeit gegen andere (manchmal auch gegen sich selbst), die man in der Politik braucht. Aber sie hat keinen Inszenierungsdrang und auch kein ausgeprägtes Inszenierungstalent. Sie ist nicht besonders kommunikativ, erscheint oft misstrauisch und entspricht so in kaum einer Kategorie den gängigen Unterhaltungsmustern, die längst auch die politische Bühne bestimmen. Sie agiert zwischen den Polen: Wenn sie hart ist, vermännlicht sie. Wenn sie es nicht ist, gilt sie als fimschiges Weibchen. Kurzum: Sie kann machen, was sie will. Richtig wird es nie sein.

Aus diesem Umgang mit sich selbst schafft Angela Merkel Situationen, die bei vielen Beobachtern des politischen Geschehens Unverständnis oder Geringschätzung auslösen. Sie bietet damit auch Angriffsflächen. „Die kann es nicht“, war einer der meistzitierten Sätze im Wahlkampf, gesagt von Männern, die in den späteren Koalitionsverhandlungen feststellen mussten, dass sie es wohl kann, aber vielleicht anders macht, als bislang gewohnt. Politiker leiden oft unter Selbstüberschätzung. Angela Merkel profitiert von Fremdunterschätzung.

Es mag sein, dass dies das Merkel-Muster der Ausgestaltung politischer Macht ist. Vielleicht ist auch eine weibliche Variante im Entstehungsprozess begriffen. Wenn Angela Merkel im „Spiegel“-Interview sagt: „Ich bin nicht ängstlich“, dann pfeift sie vielleicht im Dunklen. Dass wir das öffentlich hören können, ist nach Ansicht der Polit-Platzhirsche eine fast ungehörige Form der Selbsterklärung. Womöglich täte es der politischen Kultur in Deutschland aber ganz gut, wenn wieder mehr Zwischentöne zu hören wären. Wenn die Kultur des Zweifelns einen Platz in all den Bestätigungsritualen von Personen und Programmen fände. Wenn man mal nichts sagen darf, weil es gerade nichts zu sagen gibt.

Frauen behandeln Machtfragen anders als Männer. Und sie handeln in Machtpositionen anders. Sie handeln verschämter. Verschämt nicht deshalb, weil es Frauen in Machtpositionen an Mut, Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen fehlte. Verschämt nur, weil es bislang keine Orientierungsmuster, keine Rollenvorbilder und keine Instrumentenkästen weiblicher Inszenierung von Macht gibt. Es wird sie bald geben. Die Verschämtheit der Macht wird sich an der Unverschämtheit des öffentlichen Umgangs mit ihr emanzipieren.

Die Autorin lehrt Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Zuvor war sie Medien-Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen und bis 2002 Regierungssprecherin von Wolfgang Clement.

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