Kultur : Unter Hochspannung

Begegnung mit einer Freiheitskämpferin: Bianca Jagger bei den Berliner Lektionen

Sandra Luzina

Eine elegante Frau in schwarzem Anzug und Pantoletten erklimmt die Bühne des Berliner Renaissance-Theaters, und man spürt gleich: Dies ist eine Kämpferin, eine Ein-FrauenTask-Force. Seit mehr als 25 Jahren engagiert sich Bianca Jagger im Kampf für Menschenrechte, 2004 wurde sie dafür mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Zeugin wolle sie sein, wann immer einem Unschuldigen Gefahr droht, hat sie einmal gesagt. Für die sprechen, die keine Stimme haben.

Am Sonntag hat sie die neue Serie der Berliner Lektionen mit einem Vortrag über Menschenrechte und den Krieg gegen den Terror eröffnet. Bianca Jagger erteilt nicht nur den Berlinern eine Lektion, sie liest den Europäern die Leviten. „Ich komme aus Nicaragua“, stellt sie sich vor. Die gebürtige Bianca Pérez-Mora Macias wuchs während der blutigen Zeit der Somoza-Diktatur auf. Als sie 16-jährig mit einem Stipendium nach Paris kam, um Politische Wissenschaften zu studieren, sei ihr Europa wie ein aufgeklärtes Paradies vorgekommen, erinnert sie sich. Dessen Werte stünden heute auf dem Spiel.

Als sie auf ihre „wohl bekannte“ Ehe mit Rolling-Stones-Star Mick Jagger zu sprechen kommt, blitzt Spottlust auf. Sie könne auch über Gerechtigkeit und Rache im Kontext dieser Ehe dozieren, aber es gäbe Wichtigeres. Süffisant merkt sie noch an, dass ihre Scheidung zeitlich mit dem Sturz des Diktators zusammenfiel. Auch sonst spricht sie Klartext und prangert in scharfer Form die Bush-Administration und deren Kampf gegen den Terror an. Unter Bush sei es zu einer massiven Unterminierung der bürgerlichen Freiheiten, von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit gekommen. Ähnliches fürchtet sie auch für Europa, wo über eine Verschärfung der Anti-TerrorGesetze diskutiert wird. „Es tut mit leid, dass ich ihnen keine positive Botschaft überbringen kann“, sagt sie am Ende. Und fordert das Publikum auf, die demokratischen Freiheiten zu verteidigen.

„Als ich mit meiner humanitären Arbeit anfing, habe ich schnell gemerkt, dass mein totaler Einsatz gefordert ist. Und dass ich, um Anerkennung zu gewinnen, mehr Ausdauer aufbringen musste als andere“, hatte Bianca Jagger zuvor im Gespräch erzählt. Sie sei eine Frau, „doch, das macht einen Unterschied.“ Und mit ihrem prominenten Namen musste sie sich die Glaubwürdigkeit erst hart erkämpfen.

Bianca Jagger spricht mit tiefer, rauchiger Stimme. In nur einer halben Stunde gelingt es ihr, sämtliche Gefahren und Geißeln der Menschheit zu inspizieren. Keine Verletzung der Menschenrechte, kein Unrecht, das nicht auf ihrer Agenda steht. Dennoch ist sie keine Apokalyptikerin: „Jeder Einzelne kann etwas bewegen“, so ihre Überzeugung. Sie lebe aus dem Koffer, erklärt sie auf die Frage nach ihrem Zuhause. Auch ihr Hotelzimmer im „Kempinski“ hat sie zum Büro umfunktioniert und dort bis zuletzt an ihrem Vortrag gefeilt. Dabei ist die Stippvisite in Berlin, verglichen mit ihren sonstigen Missionen, eigentlich ein Erholungstrip. Als Angehörige von Fact-Finding-Missionen hat Jagger viele Krisengebiete besucht, sie war in Flüchtlingslagern und texanischen Todeszellen, aber auch in Londoner Sauna-Clubs, wo Nichteuropäerinnen zur Prostitution gezwungen werden. Permanent steht sie unter Hochspannung, kämpft an vielen Fronten, muss entscheiden, welcher Kampagne sie gerade ihre Stimme leihen soll. Am heutigen Montag tritt sie im britischen Oberhaus auf, wenn dort über die Unzulässigkeit von Informationen debattiert wird, die unter Folter erzwungen wurden. „Können Sie sich das vorstellen, dass so etwas im House of Lords diskutiert wird?“, fragt sie empört.

Und dann erteilt sie noch eine Lektion in Bescheidenheit. Sie hoffe doch, dass ihre Arbeit, anders als die Bob Geldofs, von mehr Demut geprägt sei. Der Live-Aid-Organisator schwebe über den Realitäten, er suche den Schulterschluss mit den politischen Führern, kritisiert sie den Musiker. Bianca Jagger geht den entgegengesetzten Weg: Sie spannt weniger Prominente ein, als dass sie mit Menschenrechts-Organisationen kooperiert und engen Kontakt zu Juristen hält. Besonders wichtig ist ihr die Zusammenarbeit mit Bürgerinitiativen: „Das Wissen dieser Menschen ist von unschätzbarem Wert.“

Gerade ist sie dabei, ihre eigene Stiftung zu gründen. Es gibt viel zu tun für Bianca Jagger, jetzt, da ihre Stimme noch mehr Gewicht bekommt. Da wird sie wohl auch mit Berühmtheiten reden, wenn sie Spendengelder einsammelt. Sie hat schon Schlimmeres durchgestanden. Und sie tut es ja nicht für sich.

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