Kultur : Unter Latten

„Wärme“: Der Vattenfall- Fotopreis bei c/o Berlin

Claudia Wahjudi

„Wärme“ lautet das Motto des Vattenfall-Fotopreises 2010, doch treffender wäre „Verlorenheit“. Verloren steht die alte Dame in einem Birkenwäldchen und schaut, als lausche sie einer inneren Stimme. Auf einem anderen Foto lässt sie sich die Locken legen und blickt verzweifelt. Elke Gärtner ist an Alzheimer erkrankt. Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie im Wohnwagen zu einer letzten Reise aufgebrochen, von Polen nach St. Petersburg. Die Berliner Fotografin Sibylle Fendt hat sie begleitet. Mit der Mittelformatkamera hat sie Momente des Glücks festgehalten, aber auch der Erschöpfung. Für ihre Serie „Gärtners Reise“ hat Fendt nun den mit 10 000 Euro dotieren ersten Preis des Wettbewerbs für junge Fotografen erhalten, dessen prämierte Beiträge bei C/O Berlin (Oranienburger Str. 35/36, bis 2. 11.; tägl. 11 bis 20 Uhr) zu sehen sind.

Verloren wirken auch die Motive von Sebastian Keitel, Gewinner des zweiten Preises. Der Fotostudent hat in Vietnam die provisorischen Schlafstätten von Wanderarbeitern fotografiert. Sachlich ausgeleuchtet, wirken die fragilen Gebilde aus Moskitonetzen und Latten wie Skulpturen. Decke, Rucksack und Zahnbürste erzählen von Unbehaustheit und Vereinzelung. Die Mitglieder der Jury, unter ihnen der Fotojournalist Robert Lebeck, haben das Wettbewerbsmotto souverän interpretiert. Der dritte Preis ging an Johannes Heinke aus Weimar für eine Serie über Bücher, die beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek beschädigt wurden.

Gewonnen haben nicht zuletzt die Veranstalter. Der Energiekonzern präsentiert den 2009 gegründeten Wettbewerb an einem renommierten Ausstellungsort. Und das Fotohaus hat eine Schau erhalten, deren subtile Aufnahmen einen Kontrast zu den plakativen Schwarz-Weiß-Bildern von Altstar Peter Lindbergh in der Hauptausstellung von C/O Berlin bilden. Vielleicht hat es auch einen langfristigen Partner gefunden. Die Sparmaßnahmen bei Vattenfall, so sagte die Kuratorin der Unternehmenssammlung Hanna Marie Ebert am Eröffnungstag, werden den Fotopreis nicht treffen. Claudia Wahjudi

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