Kultur : Unter Tage

Chinesische Wahrheit: Li Yangs „Blinder Schacht“ im Wettbewerb

Christiane Peitz

8000 Arbeiter kommen jährlich in den privatisierten Kohlebergwerken Chinas ums Leben. Die Dunkelziffer, sagt Li Yang bei der Pressekonferenz in Berlin, liegt weit höher. Eines der Bergwerke, in dem er 700 Meter unter Tage filmte, stürzte zwei Tage später ein, auch hier gab es Tote. Die Drehorte in der inneren Mongolei hält der Regisseur geheim – um die Menschen zu schützen, die ihn bei der Realisierung des Films unterstützten. „Blinder Schacht“ ist in China verboten, obwohl er nach einem preisgekrönten Buch über eine wahre Geschichte entstand. „Die Willkür der Zensur“, erklärt Li Yang, „versteht bei uns keiner“.

Eine wahre Geschichte – wie die vielen wahren China-Bilder, die 2002 im Forum zu sehen waren: Song (Li Yixiang) und Tang (Wang Shuangbao) sind arme Schlucker. Für ein paar Yuan schuften sie in den Minen, erschlagen einen Kumpel, fingieren ein Grubenunglück, geben den Toten als Bruder aus und kassieren die Abfindung. Song schickt Geld an seinen Sohn, damit der die Schule bezahlen kann (die Pisa-Sieger sind nichts dagegen: In China gehen sie für die Bildung über Leichen). Die beiden treffen den 16-jährigen Yuan (Wang Baoqiang), der ebenfalls Schulgeld braucht. Sie versprechen ihm einen Job im Bergbau: das ideale nächste Opfer.

Ein harter Film über die Modernisierung Chinas. Schäbige Kleidung, Zeitungspapier als Tapete, Dreck, Kälte, Erschöpfung – und eine der besten Karaoke-Szenen des Festivals. Die Schatten lang, die Landschaft grau und verkarstet: der denkbar größte Kontrast zu den bunten Farben von „Hero“. Wie kann ich Mitleid haben, wenn keiner Mitleid mit mir hat, sagt Song. Und hat es dann doch, schickt den naiven Bauernjungen ins Bordell, damit der die Liebe lernt, und zögert den nächsten Arbeits-„Unfall“ hinaus. Wenn die Bergleute den Schacht verlassen, blendet das Tageslicht. Und vor dem Berlinale-Palast blendet die Sonne.

Heute 15 und 18.30 Uhr (Royal Palast), 22.30 Uhr (International)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben