Kultur : Unter uns

Wolf Biermann erhält den Ehrendoktor der HU

Gregor Dotzauer

Unter uns, erklärte er und rückte dem Mikrofon ein winziges Stück näher, wirklich nur unter uns gesagt, ist das philosophische Diplom, um das es hier geht, ja längst aus den Archiven der HumboldtUniversität geklaut und zu mir nach Hamburg gelangt. Aber, und da reckte sich Wolf Biermanns Hand mahnend in die Höhe, das ist nicht politisch, denn es ist nicht öffentlich! Deshalb bin ich heute hier. Und natürlich wollte man ihm im Audimax der Alma mater, die ihm vor 45 Jahren eben jenes Diplom aus politischen Gründen verweigert hatte, zur Entschädigung auch noch einen Ehrendoktor überreichen, den er, wenn er sich auch in unbescheidener Bescheidenheit wand, gern anzunehmen bereit war.

Unter uns, sagte er später noch einmal, mit dem ganzen pseudovertraulichen Knuff in die Seite, der Intimität lieber mit einigen Hundert Menschen herstellt als mit einem einzigen, einsamen Gegenüber. Und meinte, schnauzbärtig streng-gütige Biermannismen von der Bühne herunterrempelnd: unter uns akademischen Betschwestern, unter uns ostdeutschen Pfarrerstöchtern beiderlei Geschlechts, unter uns Magnifizenzen, Eminenzen, Exzellenzen und paar Pomeranzen, die wir uns heute eingefunden haben, um uns von mir an meinen verehrten philosophischen Lehrer Wolfgang Heise erinnern zu lassen – meinen DDR-Voltaire.

Zuvor hatten sich vier universitäre Redner gemüht, Biermanns Verdienste als Dichter, Sänger, Übersetzer, Poetologe und universale Rampensau zu würdigen. Doch weder Klaus Brieglebs germanistische Laudatio auf den „Mann mit der Kithara“ noch Christoph Markschies’ wohlfeiles Loblied auf Renitenz und Widerstand, an das man den HU-Präsidenten bei seiner nächsten Verwaltungskrise erinnern sollte, hielten der hemdsärmeligen Energie des Gepriesenen stand. Allenfalls der Philosoph Volker Gerhardt hatte in seiner geschliffenen Präsenz eine kurze Chance – bis Biermann in seiner Rede die sich rasant verfinsternden sechziger Jahre der DDR Revue passieren ließ. Nach den Maßstäben einer klaren deutschen Prosa wirken seine Manuskripte manchmal reichlich schnell zusammengenäht. Aber sobald er sie mit seiner Stimme behaucht und verknurrt, ritardando und accelerando über Satzenden hinwegatmet und sich eine Abschweifung hier, eine Abschweifung dort gestattet ist, erwachen sie zum Leben. Es sind zwar immer dieselben Kniffe, mit denen er sie traktiert, ein bitter-belustigtes Auflachen oder eine wegwerfende Geste, mit der er über einen DDR-Lumpen den Unsegen spricht, doch sie funktionieren. Zum Schluss ein Lied, nein drei, weil die Begeisterung nicht verstummen will. Und der Refrain des neuen „Voltaire-Chansons“, in Verehrung für Heise, der ihn überhaupt bis zum Diplom brachte, geht einem nicht mehr aus dem Kopf: „Ce qui touche le cœur, se grave dans la mémoire.“ Gregor Dotzauer

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