Kultur : Unter Verdacht

Der Streit um Thor Kunkels Nazi-Roman „Endstufe“ eskaliert

Marius Meller

Ein tiefschwarzes Szenario. Berlin 1941. SS-Wissenschaftler, die an einer neuartigen Malaria-Therapie forschen, drehen neben ihrer kriegswichtigen Arbeit Hardcore-Pornos mit Titeln wie die „Waldeslust“ und „Der Fallensteller“. Die Pornos sollen gegen Rohstoffe aus dem schwedischen Ausland eingetauscht werden. Die SS-Leute, eine Art Nazi-Jeunesse-dorée, führen ein perverses, drogenseliges Lotterleben – den Krieg geben sie schon lange vor Stalingrad verloren. Ihre krude Wissenschaftsreligion denken sie über die Rassenideologie hinaus in Richtung einer Gentechnik avant la lettre, von der sie glauben, sie könnten damit in Amerika eines Tages groß rauskommen. Der Mord an den Juden ist für die Zyniker „kein Thema“. Ihre Pornos zeigen sie in Libyen den prüden Arabern. Die Hauptfigur des Romans stirbt in den Fünfzigerjahre als verrückter Einsiedler in den USA, allein mit den Pornofilmen in einem Wohnwagen.

Diesen Irrsinn hat der für sein erstes Buch „Schwarzlicht-Terrarium“ preisgekrönte Berliner Schriftsteller Thor Kunkel (Jahrgang 1963) für seinen neuen Roman „Endstufe“ erfunden. Erfunden? Nein, die Pornofilme, die so genannten „Sachsenwald-Filme“, gibt es wirklich. Auf sie stieß der Autor in der Sammlung des Experimentalfilmers Werner Nekes. Sie zeigen Männer, die aussehen wie Luis Trenker, und Frauen, die aussehen wie Leni Riefenstahl, beim gut ausgeleuchteten, unverhüllten Geschlechtsverkehr im deutschen Mischwald. Thor Kunkel recherchierte, sprach mit einer der Darstellerinnen (heute im Altersheim) und schnappte das Gerücht mit dem Rohstoff-Tausch auf. Erhärten ließ es sich nicht. Im Grunde ist alles außer den Nazi-Pornos an „Endstufe“ erfunden.

Der Hamburger Rowohlt Verlag hat nun die Veröffentlichung der „Endstufe“ kurz vorm Druck gestoppt und sich Ende Januar wegen „inhaltlicher und ästhetischer“ Differenzen vom Autor getrennt (Tagesspiegel vom 1.2.). Inzwischen hat Kunkel einen neuen Verlag gefunden, Eichborn Berlin, der den Roman im April herausbringen will.

Nach der Lektüre der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ möchte man auf den ersten Blick ersten freilich meinen, mit der literarischen Karriere von Thor Kunkel sei es nun vorbei. Liest man genauer, gewinnt man eher den Eindruck, es handele sich um eine Panikreaktion seitens des Rowohlt Verlags, der seine in mehreren Zeitungen kritisierte Entscheidung gegen den Autor nun, mit härtesten Bandagen kämpfend, rechtfertigen will. Verleger Alexander Fest und Kunkels ehemalige Lektorin gehen mit angeblichen mündlichen Äußerungen des Autors an die Öffentlichkeit, die belegen sollen, dass Kunkels Gedanken „noch viel problematischer“ seien als seine Texte und den Autor in die Nähe eines neonazistischen Revisionismus bringen. Kunkel habe in verlagsinternen Diskussionen den Mord an den Juden im Vergleich mit Vergewaltigungen deutscher Frauen durch die Russen relativiert, wird im „Spiegel“ unterstellt.

Kunkel bestreitet das auf Nachfrage des Tagesspiegel vehement. Es habe in der Tat einen Streit um die drastischen Schilderungen von Vergewaltigungen durch die Alliierten in seinem Roman gegeben, nie habe er jedoch den Judenmord relativiert. In jener Diskussion sei die Judenverfolgung seiner Erinnerung nach nicht einmal erwähnt worden.

Es ist schon erstaunlich, wie im Fall Thor Kunkel der notwendigen Debatte um einen brisanten, hochinteressanten literarischen Text, der bislang der Öffentlichkeit nicht vorliegt, eine Diskussion der mutmaßlichen „Gedanken“ des Autors vorausgeht. Die Haltung des Rowohlt Verlags, der sich, so Alexander Fest noch vor einer Woche, in dieser Sache nicht „inhaltlich“ äußern wollte, ist jetzt schwer nachzuvollziehen. Zurück zu den Texten!, möchte man allen Beteiligten zurufen.

Was Alexander Fest dem „Spiegel“ aus einem angeblichen „Werkstattbericht“ Kunkels vorgelesen hat, ohne aber dem Magazin den ganzen Text vorzulegen, ist nach Aussage des Autors eine später entfernte „Rahmengeschichte“ des Romans, nach dem Vorbild von Günter Grass’ „Im Krebsgang“. Darüber gebe es eine Korrespondenz mit dem Lektorat, so Kunkel, die Fest hätte kennen müssen. Alexander Fest meint im „Spiegel“ urteilen zu dürfen, „das ist keine Rollenprosa, das ist Originalton Kunkel, er meint es so, wie er es sagt“, und er zitiert Passagen aus dem Roman, die – für jeden Leser erkennbar absurde – Reflexionen der fiktiven Hauptfigur wiedergeben. Fest nennt seinen Ebennoch-Autor nun gar eine „Wiedergeburt Parsifals als rechter Schläger“.

Der Roman selbst, der dem Tagesspiegel im Typoskript vorliegt, liest sich – angesichts der nun zur Vorverurteilung führenden Debatte – vergleichsweise harmlos. Ein Neonazi hätte jedenfalls gewiss keine Freude an „Endstufe“: Aus jeder Seite spricht der perverse Wissenschaftsglaube der Protagonisten. Und um diese Perversionen als solche zu erkennen, muss der mündige Leser nicht ans Händchen eines distanzierenden Autoren-Ichs genommen werden. Das Publikum aber wird bei Eichborn die „Endstufe“ bald lesen können und sich ein Urteil bilden.

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