Kultur : Untergang der Kursk: Kein Entkommen

Elke Windisch

Den "ersten wahrheitsgemäßen Bericht" über den Hergang des Dramas auf der Kursk, nannte der russische Privatsender NTW den Zettel, den Gerichtsmediziner bei der Identifizierung der ersten vier Toten fanden, die Marinetaucher in der Nacht zum Donnerstag aus dem russischen Atom-U-Boot Kursk geborgen haben. "Alle Besatzungsmitglieder der sechsten, siebten und achten Abteilung sind in die neunte gegangen. Wir haben diese Entscheidung nach dem Unfall getroffen", schreibt Kapitänleutnant Dmitrij Kolesnikow (30) am 12. August um 13.15 Uhr.

Stunden zuvor war das Boot mit 116 Matrosen und zwei Zivilisten an Bord in der Barentssee gesunken. "Wir sind 23", heißt es weiter in der Notiz, die dann von erfolglosen Versuchen berichtet, das Boot durch den Notausstieg zu verlassen. "Keiner von uns kann zur Oberfläche." Danach, so die halbamtliche Nachrichtenagentur ITAR-TASS, sei die Handschrift unleserlich geworden. Später hat Kolesnikow seine Notiz ergänzt: "Ich schreibe im Dunkeln." Dann folgen Abschiedsworte an seine Frau Olga, die er erst im letzten Jahr geheiratet hat.

Die Meldung schlug wie eine Bombe ein und dürfte noch für Ungemach sorgen. Vizepremier Ilja Klebanow, der die Regierungskommission zur Untersuchung der Unglücksursachen leitet, hielt eisern an der offiziellen Version fest, die in Umlauf gebracht wurde, als am 19. August klar war, dass es auf der Kursk nichts mehr zu retten gab. Alle, so hieß es damals, seien durch die Explosion, die sich offenbar an Bord ereignet hat, augenblicklich tot gewesen. Frühere Meldungen, wonach Marine-Akustiker noch mehrere Tage nach dem Unglück Klopfzeichen der Mannschaft registriert haben, bezeichnete Klebanow als falsch. Der Grund ist mehr als durchsichtig: Klebanow sollte Vorwürfe entkräften, Russland hätte, um militärische Geheimnisse zu wahren, ausländische Hilfsangebote zu spät akzeptiert. Erschüttert wurde Klebanows Version schon am Montagabend: Die Taucher hatten größere Luftblasen im Boot entdeckt, in denen es nach Meinung von Experten Überlebenschancen für mehrere Tage gab. Die Kommission, rügte die Tageszeitung "Sewodnja" bereits, habe entweder "lückenhafte Informationen", könne die verfügbaren Daten nicht richtig interpretieren oder versuche einfach, die Öffentlichkeit zu täuschen.

Der Zettel in der Tasche des toten Offiziers bringt außerdem die Version ins Wanken, wonach die Kursk mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit bei einem Zusammenstoß mit einem ausländischen U-Boot gesunken ist. Eben diese These hatte der Stabschef der Nordmeerflotte, Vizeadmiral Michail Motzak, gestern erneut verteidigt. Den Beweis dafür liefern angeblich Unterwasseraufnahmen, die starke Beschädigungen am Bug zeigen.

Eben dort befinden sich allerdings auch die Abschussanlagen für die Torpedos. Die, so vermuteten westliche Experten gleich nach der Katastrophe, könnten bedingt durch Programmfehler der Software die Kursk für ein feindliches Submarine gehalten und das Boot getroffen haben. Dafür sprechen auch die massiven Zerstörungen im Inneren. Wären sie Folge einer Kollision, das zweite U-Boot - Moskau will zwei US-Boote und ein britisches im Katastrophengebiet geortet haben - wäre durch die Wucht des Zusammenpralls ebenfalls schwer angeschlagen gewesen und hätte nicht aus eigener Kraft heimlich einen norwegischen Hafen anlaufen können, wie die Militärs behaupten.

Dass die Hypothese nicht wasserdicht ist, beweist die selbst für Russland extreme Geheimniskrämerei um die Bergungsarbeiten. Mittwochabend musste auch der einzige Live-Reporter - ein Journalist des Staatssenders - zurück an Land. Die Kursk habe eine neue Waffe testen sollen. Die vor allem, so hatten hiesige Journalisten schon im Vorfeld der Operation behauptet, solle vom Grund der Barentssee gefischt werden. Die Bergung der Leichen diene nur als Vorwand.

Für Samstag wurde eine Trauerfeier für die geborgenen toten Seeleute im Marinehafen Seweromorsk angekündigt. Die entstellten Leichen müssen in einem Speziallabor identifiziert werden. Die Verwandten des Offiziers Kolesnikow reisten aus St. Petersburg zur Nordflotte. Die vier Leichen blieben zunächst weiterhin auf der norwegischen Tauchplattform "Regalia", da wegen schlechten Wetters in der Barentssee alle Hubschrauberflüge abgesagt wurden.

An die Hebung der Kursk im nächsten Sommer, wie Putin es den Hinterbliebenen versprach, glauben jedoch nicht einmal Optimisten. In der Tat. Mit der Bergung von 20 Prozent, maximal 30 Prozent der Toten in diesem Herbst - mehr hält die Bergungsfirma bei den vertraglich vereinbarten 18 Arbeits- und sieben wetterbedingten Wartetagen für ausgeschlossen - haben Kreml und Militär guten Willen gezeigt und zugleich die Fortsetzung der Operation unmöglich gemacht: Durch die in den Rumpf geschnittenen Einstiege, warnen Experten, könne das Boot beim Anheben auseinander brechen und die Kernreaktoren beschädigen. Chefkonstrukteur Igor Spasskij blies daher schon mal zum geordneten Rückzug: Gelingt es, die 23 Mann zu bergen, von denen der Zettel spricht, sagte er dem Staatsfernsehen, könne "die Bergung als abgeschlossen betrachtet werden."

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