Kultur : Unterm Pannenbaum

Steffen Richter

Langsam wird es eng mit Weihnachtsgeschenken. In den Buchhandelsregalen stapeln sich die Bestseller – und die potenziellen Käufer irren orientierungslos zwischen ihnen herum. Doch es gibt sie, die Rettung. Man halte sich an die Bestenliste, freilich nicht an irgendeine, sondern an die des Südwestrundfunks. Hier wählen 34 Kritiker jeden Monat zehn Bücher aus. Das können Titel sein, die in aller Munde sind, meist aber findet man auch wunderbar Abseitiges, und auf allem klebt ein Gütesiegel. Am Ende des Jahres kürt die Jury dann einen Preisträger. Zuletzt den Lyriker und Essayisten Lutz Seiler. Weihnachtsgeschenke, die ihrer Zeit voraus sind, denn am 21.12. (20 Uhr) kommen die Literaturkritikerin Verena Auffermann, der Feuilleton-Leiter der „Zeit“, Jens Jessen und der Literaturchef der „FAZ“, Hubert Spiegel, ins Literarische Colloquium (Am Sandwerder 5, Zehlendorf)um über Bücher zu reden, die im Januar auf der SWR-Bestenliste vertreten sein werden.

Doch man kann sich Geschenk-Inspirationen auch anderswo holen. Etwa in der Krimibuchhandlung Totsicher (Winsstr. 10, Prenzlauer Berg). Hier sorgt heute (20 Uhr) eine Lesung von Gabriela Zorn, musikalisch begleitet von Jörg Wilkendorf, für „weihnachtliche Vorfreude“. Und zwar unter dem Titel Kleine Grausamkeiten zum Fest . Das klingt viel versprechend. Man könnte sich Geschichten vorstellen, in denen Weihnachtsbaumkugeln explodieren und Pfefferkuchen mit Rattengift versetzt sind. Eine schöne Grausamkeit wäre auch die Bitte des Weihnachtsmannes, vor der Bescherung Joyces „Finnegans Wake“ rückwärts zu rezitieren.

Etwas besinnlicher geht es im Theater im Palais zu (Am Festungsgraben 1, Mitte). Hier liest der Schauspieler Siegfried W. Kernen am 21.12. (20 Uhr) unter dem Motto Oh Pannenbaum Erzählungen von Maupassant und O. Henry. Von dem Amerikaner O. Henry stammt etwa die Weihnachtsgeschichte „Das Geschenk der Weisen“ um die armen Della und Jim. Darin verkaufen beide ihre wertvollste Habe, um dem geliebten Partner ein Geschenk zu machen: Della ihr langes Haar, Jim seine goldene Uhr. Nur werden die Geschenke – eine Garnitur Kämme und eine Uhrkette – damit unbrauchbar. Aber rührend ist die Sache allemal. Nicht zuletzt fällt bei O.Henry ein fabelhaft irritierender Satz, an dem sich Erzähltheoretiker die Zähne ausgebissen haben: „Morgen war Weihnachten“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar