Kultur : Unterm Rasen liegt das Buch

Bernhard Schulz

In den neuen Bundesländern gehen die Aufbaujahre zu Ende. Die Ära der außerordentlichen Anstrengungen mündet in jene Gleichförmigkeit der Haushaltszwänge ein, die die West-Länder seit jeher kennzeichnet.

An dieser Zäsur steht die bauliche Fertigstellung der "Sächsischen Landesbibliothek Staats- und Universitätsbibliothek Dresden". Das Wortungetüm, im Alltagsgebrauch zu "SLUB" abgekürzt, lässt erahnen, welche institutionellen Kompromisse zu schließen waren. Anfang der neunziger Jahre wurde ein regelrechter "Kulturkampf" um die Fusion geführt. Dresden verfügte zu DDR-Zeiten weder über ein Büchereigebäude für die Staats- noch für die Universitätsbibliothek. Zukünftig wird der Neubau die Anlaufstelle sein, um aus dem Gesamtbestand von 7,7 Millionen "Medieneinheiten", darunter vier Millionen Bücher, zu lesen oder zu leihen.

Mit der Vollendung des 97 Millionen Euro teuren Vorhabens geht auch die Ära des sächsischen Ministers für Wissenschaft und Kunst, Hans Joachim Meyer, zu Ende. Nach 12-jähriger Amtszeit will er dem Kabinett des am vergangenen Donnerstag gewählten Ministerpräsidenten Milbradt nicht mehr angehören. Der frühere Finanzminister war allein schon von Amts wegen sein steter Widersacher, wenn es ums Geld für den Wiederaufbau der sächsischen Kultur ging.

Die Übergabe des Neubaus an die künftigen Nutzer nutzte Meyer vergangenen Montag zu eindringlichen Worten - zu einer Abschiedsrede, denn Meyer wollte noch einmal vor seiner Demission die Bühne betreten. Der scheidende Minister bezeichnete Sachsen als "ein kleines und immer noch armes Land". Aber er sehe "keine andere Chance dafür, nicht immer ein armes Land zu bleiben als die, Bildung, Kultur und Wissenschaft zu fördern". Und dann überzog der Zeit seines Amtes als Mahner aufgetretene Meyer die bundesdeutsche Gesellschaft mit einer Philippika, der man die heutige classe politique als Zuhörer gewünscht hätte. Unsere Gesellschaft, so Meyer, sorge sich "nicht in um ihre Zukunft, sondern um ihren Ruhestand. Sie investiert nicht in Kinder, sondern in ihre Ferien." Meyer nannte "die in dieser Gesellschaft vorherrschende Haltung zu Kultur und Wissenschaft ziemlich erbärmlich". Schließlich resümierte er vor der Festversammlung, "die bei uns sich ausbreitende Haltung der Nicht-Achtung vor Kultur und Wissenschaft" sei "auf Dauer tödlich für unser Land".

Zumindest erweist Sachsen mit der "SLUB" seine Achtung vor Kultur und Wissenschaft. Die Wien-Berliner Architekten Ortner & Ortner - an der Spree mit dem ARD-Hauptstadtstudio präsent, an der Donau mit dem gewaltigen Museumsquartier - haben indessen keinen Büchertempel entworfen, sondern ein funktional und städtebaulich geglücktes Ensemble. Das Grundstück inmitten der zusammengewürfelten Bauten der Technischen Universität, neudeutsch zum "Campus" geschönt, liegt weit weg von der Stadtmitte. Man darf das bedauern, muss allerdings einräumen, dass 80 Prozent der künftigen Nutzer Studenten der umliegenden TU sein werden.

Hier befand sich das Oval eines Sportplatzes. Umstanden von herrlich ausgewachsenen Winterlinden, war er zumindest vom Wirrwarr ringsum abgesondert. Es war eine Vorgabe des Architektenwettbewerbs, die Bäume zu erhalten; das siegreiche Duo Laurids und Manfred Ortner betont sie, indem es den Großteil des 30 000 Quadratmeter Hauptnutzfläche messenden Gebäudes in den eingetieften Platz bis zur Oberkante der einstigen Zuschauerränge und der Bäume einbettet. Aus dieser neuen Ebene wachsen lediglich zwei parallel angeordnete Baukörper 18 Meter hoch empor. Sie gleichen sich in ihrer Kubatur, unterscheiden sich indessen in Stockwerksteilung und Fensteranordnung. Ein Block enthält die Verwaltungsräume, der andere Werkstätten, Buchmuseum, Vortragssaal und Cafeteria.

Die eigentliche Bibliothek liegt unterm Rasen. Man betritt sie von der breiten Ausfallstraße her im ersten Untergeschoss, dort, wo die Architekten einen Zipfel des alten Sportplatz-Ovals frei gelassen haben. Das weite Foyer führt seitlich zu einer großzügigen Treppe, die bis auf die unterste Ebene hinabreicht. Dort unten, auf Ebene -2, befindet sich das Herzstück der Bibliothek: der zentrale Lesesaal, rechteckig auch er, umgeben von einer Galerie und darüber zwei Reihen Fenstern zu den oberen Etagen des Gebäudes. Darüber spannt sich ein Glasdach. Die Rasenfläche oben ist an dieser Stelle von einer gläsernen Ebene in den Grundrissmaßen der beiden aufragenden Gebäude unterbrochen, die den Lesesaal mit - vermittels "elektrochromem" Glas nach Intensität und Wärmestrahlung ingeniös regelbarem - Tageslicht versorgt.

Der Bibliotheksdirektor spricht vom Bauprinzip eines "Silentiumkegels", nach dem das Haus organisiert sei: Auf der Eingangsebene befinden sich Freihandmagazine und dezentrale Leseplätze - auch sie durch Glasdächer tageslichtbeleuchtet -, auf der mittleren Ebene teils Freihandregale und teils (nicht-öffentliche) Magazine, und unten außer dem Lesesaal und beidseitigen Foyers nur mehr Magazine. Das Lesesaal-Rechteck haben Ortner & Ortner außen mit dicht gereihten Rundpfeilern umstellt, die sich durch doppelgeschossige Räume erstrecken und auch im obersten Bibliotheksgeschoss ihre Fortsetzung finden.

Die Verkleidung nicht nur dieser Pfeiler mit dem Holzwerkstoff MDF, mit "mitteldichter Faserplatte", stieß bei laminatgeschädigten DDR-Bürgern nicht auf Gegenliebe. Doch, so Manfred Ortner, "echtes" Holz hätte nur in Gestalt von Furnier aufgebracht werden können und im Test "billig ausgesehen". Die Ästhetik von Sichtbeton, MDF und Glas teilt sich in sächsischen Gefilden nicht umstandslos mit. Ein Glück, dass die Architekten wenigstens die Fassaden der beiden aufragenden Gebäude mit Thüringer Travertin verkleidet haben, der an exponierten Wänden des Bibliotheksinneren, etwa entlang der großen Treppe, gleichfalls Verwendung fand.

Um die verschiedenen Bauteile gestalterisch zusammenzubinden, kamen Ortner & Ortner auf das, was eine Bibliothek optisch kennzeichnet: Buchrücken. Das zwar unregelmäßige, aus der Ferne jedoch gleichförmige Muster horizontaler Bänder aus senkrechten Streifen unterschiedlicher Breite nennen sie "Bücherflimmern". Nun kehrt es wieder im Muster der Akustikpaneele rings um den Lesesaal - natürlich aus MDF! -, in der gefrästen Oberfläche der Travertinfassaden, im aus unterschiedlich hellen Hölzern gefügten Stabparkett, im Muster des etwas bonbonfarbenen Teppichbodens, ja, wenn man so will, sogar in der unregelmäßigen Anordnung der stehenden, ungeteilten Fenster der beiden Hochbauten.

Es ist eine eminent skulpturale Qualität, die die Architekten ihrem Bau damit verleihen. Das ganze Ensemble ist eine Großskulptur: zwei Kuben auf einer Fläche. Aber auch das Innere erfährt eine plastische Durchbildung. Die farbliche Zurückhaltung - lediglich Vortragssaal und Cafeteria zeigen ein kräftiges Rot - dürfte sich als Segen erweisen, um das Bunt der Bücherrücken auszugleichen.

Verschiedentlich ist gemutmaßt worden, die weitgehend unterirdische Anlage der Bibliothek sei einer in Dresden grassierenden Feindseligkeit gegenüber moderner Architektur geschuldet. Solche Abneigung gibt es - aber gewiss nicht mit Blick auf das TU-Gelände mit seiner Ansammlung von Verlegenheitsbauten der Nachkriegszeit. Es verhält sich vielmehr so, dass ein oberirdischer Bau angesichts des erforderlichen Raumprogramms allzu gewaltig hätte ausfallen müssen; vom Klimaproblem - wie beim Neubau der Pariser Bibliothèque nationale - ganz zu schweigen.

Für Dresden jedenfalls ist die neu "SLUB" nicht nur als "wirklich große Bibliothek" - so Meyer - ein Gewinn, sondern auch architektonisch ein Maßstab für Künftiges. Und: ein Maßstab für künftige Kulturpolitik, in Sachsen wie überall in Deutschland.

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