Kultur : Unterm Saturn

Zum Tod des Philosophen Raymond Klibansky

Michael Adrian

Es löst einen leichten Schwindel aus, auch nur seine wichtigsten intellektuellen Wegbegleiter zu nennen. Raymond Klibansky gehörte in den engsten Kreis der internationalen Gelehrtenrepublik. Am 15. Oktober 1905 als Sohn orthodoxer Juden in Frankreich geboren, emigrierte er mit seinen deutschstämmigen Eltern am Vorabend des Ersten Weltkriegs nach Frankfurt am Main. Schul- und Studienjahre in Heidelberg und in Hamburg brachten ihn mit Karl Jaspers und Ernst Robert Curtius ebenso in Verbindung wie mit Ernst Cassirer und Aby Warburg.

Klibansky widmete sich den klassischen Sprachen und der Philosophie. Seine Nähe zur damals entstehenden Sozialwissenschaft – als Assistent von Ferdinand Tönnies und ständiger Gast im Hause von Max Webers Witwe (und Cousine) Marianne Weber – immunisierte ihn gegen den Irrationalismus des Kreises um Stefan George. Im Spannungsfeld zwischen Vernunftgläubigkeit und Irrationalismus bildete sich sein Forschungsinteresse, diese spezifisch deutsche Tradition anhand ihrer großen mittelalterlichen Impulsgeber Nikolaus von Kues und Meister Eckhart zu studieren.

Sein Studium des platonischen Erbes des Mittelalters und der Renaissance befruchtete die gemeinsam mit Erwin Panofsky und Fritz Saxl verfasste kultur- und kunstgeschichtliche Studie „Saturn und Melancholie“ (Suhrkamp), ein Meisterwerk der Melancholieforschung aus der kulturhistorischen Warburg-Schule. Klibansky, Zeit seines Lebens ein politisch hellwacher Kopf, emigrierte 1933 nach England. Er verkörperte einen politischen Humanismus, für den die Verteidigung des kreativen Denkens, der Freiheit und der Toleranz wie selbstverständlich mit dem Kampf gegen deren Feinde einhergeht: Für den englischen Geheimdienst wertete Klibansky mit philologischen Methoden die deutsche Propaganda aus.

Nach dem Krieg führten ihn akademische Stationen über Oxford an die McGill-Universität in Montreal, der er für den Rest seines Lebens verbunden blieb. Von seinem Einsatz für die geistige Freiheit, etwa als Direktor des Internationalen Instituts für Philosophie, berichtet sein faszinierendes Gesprächsbuch „Erinnerung an ein Jahrhundert“ (Insel Verlag). Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Klibansky am 5. August mit 99 Jahren in Montreal gestorben.

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