Untersuchungsausschuss Staatsoper : Wunsch und Wahrheit

Nicht die Planer, die Politiker haben versagt: Neue Erkenntnisse beim Untersuchungsausschuss zur Sanierung der Staatsoper

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Gut Ding will Weile haben. die Baustelle der Staatsoper Unter den Linden
Gut Ding will Weile haben. die Baustelle der Staatsoper Unter den LindenFoto: Sophia Kembowski/dpa

Je häufiger der Untersuchungsausschuss zur Sanierung der Staatsoper tagt, desto klarer wird eines: Die, die sich hier mit enormem Zeitaufwand um Aufklärung bemühen, sind womöglich selber an den Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen Schuld. Bei der gestrigen Anhörung von Wolfgang Abramowski, dem heutigen Kanzler der Universität der Künste, der 2002–07 das Referat „Grundsatzangelegenheiten“ in der Kulturverwaltung leitete, sowie des Opernstiftungschefs Georg Vierthaler, 1994–2008 Geschäftsführender Direktor der Lindenoper, wurde erneut deutlich, dass die Politik eine unglückliche Hauptrolle bei dem Drama spielt. Weil sie es nicht vermochte, ein klares Konzept für die Zukunft der hauptstädtischen Musiktheaterlandschaft zu erarbeiten – und dann auch durchzusetzen.
Sowohl Kultursenator Christoph Stölzl von der CDU wie auch sein Nachfolger Thomas Flierl von der Linken favorisierten die Idee, den drei Berliner Häusern klare inhaltliche Profile zuzuteilen. Die Staatsoper als traditionsreichster und zweitkleinster Bühne wäre dabei für das Repertoire vom Barock bis zur Mozartzeit zuständig gewesen. Unter dieser Prämisse sollten zum Zwecke der „Betriebssicherung“ lediglich die baulichen Schäden am Gebäude behoben werden, wie es Abramowksi formulierte. Teure Veränderungen an der Substanz, zum Beispiel zur Verbesserung der Akustik wären unterblieben, ebenso eine Erweiterung der Bühne sowie ein neues Probenzentrum im Intendanzgebäude. 129 Millionen Euro war die Zielgröße für diese Ertüchtigung im Bestand. Alles andere schien in der damaligen finanziellen Situation Berlins unrealistisch.

Eine Einschränkung seiner künstlerischen Freiheit aber wollte sich Staatsopern-Musikdirektor Daniel Barenboim nicht gefallen lassen. Er hielt es für selbstverständlich, an seinem Haus alles zu dirigieren, wozu er Lust hat. Eine Bühne, die er in die internationale Top-Liga geführt hatte. „Wir empfanden uns an der Spitze der Berliner Operntrias“, bestätigte am Freitag Georg Vierthaler den hausinternen Blick auf die Situation. Während die Verwaltung also über eine „abgespeckte Variante“ nachdachte, machte der Maestro parallel Lobbyarbeit für seine eigene Vision einer „Oper des 21. Jahrhunderts“, unter anderem mit einem Brief an Kanzlerin Angela Merkel persönlich.
Und er hatte Erfolg: Nach der Gründung der Opernstiftung 2004 entschloss man sich beim Bund, das Staatsopern-Projekt mit 200 Millionen zu unterstützen. Und zwar die Maximallösung im Barenboimschen Sinne. Die Berliner Politiker, froh über den Geldsegen, ließen also ab vom Plan, zur Vermeidung von Stück-Doppelungen die Pflege der Musikgeschichte systematisch und verbindlich auf die drei Musiktheater zu verteilen.
Als dann beim Wettbewerb um die Gestaltung des Zuschauerraums der Architekt Klaus Roth mit einem modernen Entwurf gewann – und Barenboim das im Sinne seiner Oper der Zukunft ausdrücklich begrüßte – knickte die Politik erneut ein. Diesmal vor einer Allianz von Traditionalisten aus Ost wie West, die auf keinen Fall auf ein historisch-festliches Ambiente Unter den Linden verzichten wollten. Dies wiederum führte Barenboims Vision ad absurdum. Weil es Innovation jetzt nur noch hinter den Kulissen geben darf. Zum Preis von – derzeit – 400 Millionen Euro erhalten die Klassikfans nun also einen Saal, in dem sie vielleicht besser hören, aber auf jeden Fall nicht besser sehen können als zuvor.

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