Kultur : Untertan, Untertänchen Kerstin Hensel erzählt in ihrem Roman

„Falscher Hase“ deutsche Lebensläufe

Ulrich Rüdenauer

Verglichen mit dem stolzen Namen Heinrich Theodor wirkt „Heini“ irgendwie kastriert. Heinrich Theodor Paffrath heißt der Vater, Heini Paffrath der Sohn in Kerstin Hensels neuem Roman „Falscher Hase“. Heini ist nur eine halbe Portion, und seine Lieblingsspeise ist auf gewisse Weise eine Mogelei: Im Falschen Hasen steckt etwas Hochstaplerisches, und man hört den falschen Fuffzger und den Hasenfuß darin schon mit.

Der alte und der junge Paffrath sind Untertanen, wie sie Heinrich Mann nicht scheußlicher hätte entwerfen können: in ihren kleinbürgerlichen Triebunterdrückungsstrukturen gefangene Gestalten, die unter jeder Herrschaft und in jedem System funktionieren. Nur nicht auffallen, die Form wahren, das Unglück in sich reinfressen, treu sein – wem oder was auch immer. Kerstin Hensel, 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren und heute in Berlin lebend, erzählt zwei deutsche Lebensläufe. Der Vater, ein Muttersöhnchen und Mitläufer des Nazi-Regimes, dient brav als Berliner Brandmeister, obwohl er sich als Erfinder wähnt. Seine größte Heldentat – neben der eher zufälligen Eroberung einer Frau – begeht er beim Löschen des Reichstagsbrands.

In diesen Verhältnissen wächst Sohnemann Heini auf, der traurige Held in Hensels mehr als 70 Jahre umfassenden Roman. Heini ist ein Süßigkeiten-Junkie, und jeder Freudianer hätte seine Freude an ihm: Das Naschen, gerade in heiklen Lebensmomenten, verschafft ihm Befriedigung, die auf anderem Weg nicht zu erlangen ist. Heini zerstört im Lauf des Romans nicht nur sein Leben, sondern ruiniert in jungen Jahren auch sein gesamtes Gebiss. Als nichts mehr zu retten ist, geht er zum Zahnarzt und verliebt sich unheilbar in die schöne Arzthelferin Maschula. Kariöse Folgen hat aber auch diese erste sexuelle Fantasie. Maschula nämlich nimmt nur sachlich Notiz von ihm, was den wahrhaft und wahnhaft Liebenden aber nicht sonderlich stört. Als sie in den anderen Teil der Stadt zieht und nach dem Bau der Mauer in der DDR sesshaft wird, folgt er ihr nach. An der Einseitigkeit der Liebe – auferstanden aus Zahnruinen – ändert sich nichts. Sie wechselt aber den Aggregatzustand und verwandelt sich in Hass. Die Liebe muss sich andere Kanäle suchen. Da bieten sich die DDR und strenge Selbstdisziplinierungs-Maßnahmen an: Der ehemalige Physikstudent Heini Paffrath wird Polizist – ganztägig und lebenslang.

Heini darf man sich aber nicht nur als autoritären, sondern letztlich auch als romantischen Charakter vorstellen. Nach dem erniedrigenden Erlebnis mit Maschula öffnet er sich noch einmal – und wird noch einmal zurückgewiesen. Ein unbeholfen liebevoller Annäherungsversuch an seine Nachbarn Eva und Bogumil endet so im Mord; er will die beiden ganz für sich behalten. Es folgt die Errichtung einer imaginären, dreifaltigen Liebeswelt in seiner Wohnung: „Dort warteten sie auf ihn, die treuen Gefährten Eva Bogumil Maschula, die er jeden Tag begrüßte, indem er die Augen schloss, sich selbst berührte und wundersamste Entspannung erfuhr.“ Irgendwann aber ist es vorbei mit Heinis Idylle. Die Mauer fällt, die DDR wird abgewickelt, die Pension ereilt Heini, alles Ordnende bricht zusammen, und auch der eigene Gefühlshaushalt lässt sich nicht mehr aufrechterhalten.

Kerstin Hensel erzählt diese Geschichte routiniert und zuweilen in leicht angestaubtem Gestus. Große Widerstände baut sie nicht ein in die Sprache, in der ein süffiger, ironischer Grundton vorherrscht. Die Figuren sind so karikaturenhaft verzerrt, dass sie arg berechenbar daherkommen. Sie werden denunziert und dienen als spießbürgerliche Musterfälle mit Hau ins Verrückte: So stolpern sie durch die Geschichte. Man kann ihnen dabei weder richtiges Mitgefühl entgegenbringen noch Abneigung. Irgendwann ahnt man, wie der falsche Hase läuft. Und wünschte sich, er schlüge auch mal einen Haken.


Dieses Buch bestellen Kerstin Hensel: Falscher Hase. Roman. Luchterhand, München 2005. 221 S., 19,90 €. Die Autorin beginnt ihre Lesereise morgen um 21 Uhr im Berliner Buchhändlerkeller (Carmerstr. 1).

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