Kultur : Unterwegs im Cabrio-Bett

Visionär mit Pfeife: Der Designer Joe Colombo wird wiederentdeckt

Hans-Dieter Fronz

Auftritt Joe Colombo in Weil am Rhein: Das Vitra Design Museum widmet dem italienischen Designer, der in den sechziger Jahren den Möbeln Beine machte und Bewegung in die Designszene brachte, eine große Retrospektive. Heute wohnt kein Mensch mehr so. „Rotoliving“, zum Beispiel, die bewegliche Wohnzimmer- Kompaktgarnitur mit integrierter Hausbar, Fernseher und Stereoanlage sowie drehbarem Esstisch und Anrichte: Dieses Wirrwarr miteinander verknüpfter Funktionen macht ratlos. Ebenso die „Total Furnishing Unit“, eher eine multifunktionale Wohnmaschine als ein Möbel. Beide Entwürfe waren schon damals zu extravagant, um realisiert zu werden. Und doch trägt die Ausstellung des Vitra Design Museums den passenden Titel: „Joe Colombo – Die Erfindung der Zukunft“. Der 1971 im Alter von 41 Jahren verstorbene Designer war tatsächlich ein Visionär. In der Ära retrofuturistischer Nostalgie sind seine Möbel begehrte Klassiker.

Schon damals entwarf Colombo für den modernen Wohnnomaden, der nirgends zuhause ist, stattdessen den ganzen Erdball bewohnt. Nur sah er nicht voraus, dass der Reisende der Zukunft ohne größeres Gepäck unterwegs sein würde. Sein „Cabriolet-Bed“, das ebenso an ein Klappverdeck wie an ein Zelt erinnert, gibt eine Ahnung davon. Von der gleichen Rastlosigkeit war auch Colombo selbst erfasst, dieser stets elegant gekleidete Bonvivant und Design-Dandy, der sich nie ohne Pfeife ablichten ließ, Skifahren und schnelle Autos liebte und noch seinen Vornamen Cesare beschleunigte, indem er sich kurz Joe nennen ließ.

Als 22-jähriger Kunst- und Architekturstudent träumte er in seiner „Nuclear City“ von Häusern, die sich nach der Sonne drehen und nachts in der Erde verschwinden würden. Mit virtuosem Strich entwarf er schnittige Sportwagenmodelle. Die Lampe „Flash“ oder der Sessel „Roll“ führen die Bewegung bereits im Namen, in die bei Colombo die gesamte Innenausstattung gerät: mit schwenkbaren Wänden, zusammenfaltbaren Elementen, Containermöbeln auf Rädern. Der „Personal Container“ von 1964, eines der ersten Multifunktionsmöbel mit ausklappbarem Schreibtisch und Bar, präsentiert sich als transportabler Schrank-Koffer, der geöffnet zum Paravent wird.

Das ausladende Sitzmöbel „Elda“ gleicht einem „Raumschiffsessel“ gleicht, das experimentelle Interieur „Visiona I“ zitiert die Raumschiffästhetik von Stanley Kubricks „2001 – Odysse im Weltraum“, einem Lieblingsfilm Colombos. Freilich weicht die Großzügigkeit der frühen Designentwürfe hier einer funktionalen Ästhetik des „Anti-Designs“ – eines universalen Designs, in dem die Persönlichkeit des Benutzers hinter der Neutralität der Funktion zurücktritt. Klarheit, Effizienz, Flexibilität sind jetzt die Kriterien.

Zustande kam diese erste große Retrospektive in Kooperation mit dem Mailänder Studio Joe Colombo, von dem auch die meisten Ausstellungsstücke stammen. Neben Designklassikern wie dem Stuhl „Universale“ oder der Leuchte „Alogena“ bietet die Schau eine Fülle bislang noch nicht gezeigter Werke – darunter Prototypen und experimentelle Entwürfe, Architekturmodelle, Handskizzen und Filme.

Auch wenn die Schöpfungen Colombos den spröden Charme der fünfziger und sechziger Jahre versprühen: Deutlich wird neben der visionären Kraft mancher noch heute produzierter Kreation nicht bloß seine Freude am Experimentieren, sondern auch sein praktischer Sinn für die kleinen Dinge des Alltags. So entwickelte Colombo auch Gebrauchsgegenstände wie Uhren, Skibindungen, Klimaanlagen, Gläser oder das Bordgeschirr der Fluggesellschaft Alitalia. Und oft wusste er – von der abstellbaren Pfeife bis zur aufklappbaren Armbanduhr für den Autofahrer – gerade diese Objekte funktional zu perfektionieren.

Vitra Design Museum, Weil am Rhein. bis 10. September. Der von Matteo Kries & Alexander von Vegesack herausgegebene Katalog kostet 49,90 €.

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