Kultur : Unterwegs

Zum Tod des Schriftstellers Fred Wander

Thorsten Ahrend

„Das gute Leben“ nannte Fred Wander seine Autobiografie. Gut? Wander wurde 1917 in Wien geboren, flüchtete vor den Nazis durch Europa, bis die Schweizer Behörden ihn an die französische Polizei auslieferten und er in die Internierungslager Perpignan und Drancy und später nach Auschwitz und Buchenwald geriet.

Beklommen hatte ich das erste Mal an seiner Wiener Wohnungstür geklingelt, um die Neuausgabe seiner Bücher zu besprechen, aber die Beklommenheit wich schon auf der Türschwelle. Wander strahlte Freundlichkeit aus, war witzig und voller Schalk, voller Neugier noch mit fast 90. Angesichts seiner Erfahrungen hätte niemand ihm Bitterkeit und Misstrauen verübelt – ich glaube, er war dazu völlig unbegabt. Von universaler Menschenfreundlichkeit, bis ins Alter von jungen Freunden umgeben. „Ich bin unterwegs, mein Gepäck ist leicht“, lautet der letzte Satz seiner Erinnerungen.

Der Holocaust, sein Fremdsein als Jude in Wien, dann ab 1958 in der DDR, die er nach dem Tod seiner Frau Maxie 1983 wieder in Richtung Wien verließ, bestimmten sein Denken. Aber wie er über die Erfahrung der Vernichtungslager schrieb, mit schier übersprudelnder Erzählfreude, in der sich Erinnertes, Erfundenes, Todtrauriges und Urkomisches mischten, wurde in seiner Bedeutung erst in den letzten Jahren erkannt. 1970 entstand sein wichtigster Roman „Der siebente Brunnen“. Hier sprach einer fernab jeder Ideologie, ging es nicht um organisierten Widerstand im Sinne kommunistischer Politik, die sich durch nach rückwärts verlängerten Heroismus legitimieren wollte; hier gab ein Autor den Geschundenen und Ermordeten eine Stimme, erzählte vom Schlimmsten und von den Späßen, die man auch machte.

Als zwanzig Jahre später die Holocaust-Bücher von Imre Kertész, Ruth Klüger, Louis Begley mit einer vergleichbaren Art literarischen Sprechens Erfolg hatten, waren Wanders Bücher fast vergessen. 2005 kam „Der siebente Brunnen“ im Wallstein Verlag neu heraus. Das Buch erzielte mehrere Auflagen, Übersetzungsrechte wurden in alle größeren europäischen Sprachen vergeben. Für einen Schriftsteller muss es furchtbar sein, seine Bücher nicht mehr existent zu wissen, während er selbst noch lebt. Fred Wander blieb – ein schwacher Trost – dieses Schicksal erspart. Am Montag ist er 89-jährig in Wien gestorben.

Der Autor war Fred Wanders Lektor beim Wallstein Verlag.

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