Kultur : Unverblümt

Philippe Jordan und das DSO in der Philharmonie

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Erst Frankreich, dann Ungarn. Erst das Hingetupfte, die changierende Klangfarbe, dann der Tanzrhythmus, der einem in die Glieder fährt: Himmel und Erde, Luftgeist und Schwerkraft, der Duft und das Derbe. Béla Bartók setzt in seinem frühen Komposition „Zwei Bilder“ (1910) diesen Kontrast in Szene und gestattet einen Blick in seine Werkstatt. Seht her, das sind die Elemente, aus denen sich meine Musik zusammensetzt. Und: Da müht sich einer hörbar um Intensität. Philippe Jordan und das Deutsche Symphonie-Orchester tun es dem ungarischen Komponisten gewissermaßen gleich, sie arbeiten weniger das Vorläufige heraus als das Plakative dieser mal grellen, mal jugendstilig parfümierten, mal den Naturlaut integrierenden und immer mit kräftigem Strich konturierten Skizze.

Eleganz und Energie sind Philippe Jordans Markenzeichen an diesem Abend in der Philharmonie, und irgendwann stört einen genau das: Alles am Dirigat des 36jährigen, international gefragten Schweizers ist gekonnt, jedes Accelerando, jede Finesse absolviert er als bravourösen Dressurakt. Auch Beethovens 4. Klavierkonzert, auch „Also sprach Zarathustra“, der große Budenzauber von Richard Strauss – Jordan überrascht einen nie.

Wobei die Verwandtschaft, die sich zwischen Bartók und Beethoven auftut, doch aufhorchen lässt. Das ursprünglich vorgesehene Ravel-Klavierkonzert musste entfallen, weil Leon Fleisher wegen der Aschewolke nicht anreisen konnte – Lars Vogt sprang mit Beethoven ein. Wie Jordan setzt auch Vogt beim Klavierkonzert auf den unverblümten Wechsel – und das DSO erweist sich einmal mehr als hochflexibler, weniger Klangkörper. Beethovens Innigkeit verfeinert Vogt mit schwerelos perlendem Anschlag zu impressionistischer Zartheit, die Unerbittlichkeit folgt forsch auf den Fuß. Der Träumer und der Titan, ein Vexierbild. Aber wie bei Bartók bleibt die Intensität eine Behauptung.

Schließlich „Zarathustra“, diese dröhnende Affirmation mit den heiklen Schlusstakten, deren höchste Flötentöne nebst höllentiefen Streichern den Bombast ins Groteske verzerren. Die Gewalt, die der kollektiven Ekstase bis dahin innewohnt, stellt Jordan aus – in Frage stellt er sie nicht. Aber vielleicht ist es ja falsch, das eigene Unbehagen an Strauss den Musikern dieses Abends überantworten zu wollen. Christiane Peitz

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