Kultur : Unvernunft als Menschenrecht

Silvia Hallensleben

Selbst im Luxushotel ist das geheime Hintertreppen-Reich von Küchendüften und Personalkammern reizvoller als die VierSterne-Schlafzimmer und Marmorbäder zur Schauseite. Auch im Großklinikum Nürnberg können vor allem Rohrpostanlagen und unterirdische Transportsysteme faszinieren. Oder die Wäschereifabrik, in der grüne Operationskittel und weiße Bettlaken fast ohne menschliche Beihilfe ihren Weg von der Schmutzwäsche zum Kleiderbügel gehen. Oben herum ist in dem blitzmodernen Haus alles so transparent, wie es einer vorbildlichen Gesundheitseinrichtung angemessen ist. Leider nur schmiegt sich Hans Andreas Guttners Dokumentation über Die Megaklinik (morgen im Kleisthaus) ihrem Gegenstand zu widerstandslos an, um auch Nicht-Medizin-Afficionados wirklich neugierig zu machen.

Dass man auch vorbildlich funktionierende Institutionen widersprüchlicher darstellen kann, zeigt ein anderer Film auf dem „One World Berlin Filmfestival für Menschenrecht und Medien“ (www.oneworld-berlin.de), das dieses Jahr zum dritten Mal in Berlin gastiert. Allan Kings Memory for Max, Ida, Claire and Company (Samstag im Kleisthaus) geht in ein gut alimentiertes geriatrisches Pflegeheim in Toronto und schafft es, mit Geduld und Beharrlichkeit hinter der schön lackierten Oberfläche die Dramen aufzuspüren, die die Menschen dort umtreiben. Dramen, die entstehen, wenn ein ganzes Leben plötzlich auf ein paar Gegenstände reduziert wird. Dazu kommt der Klassenkonflikt zwischen dem aus armen Einwanderinnen rekrutierten Pflegepersonal und der durchweg bourgeoisen Klientel. Manchmal scheinen Kings altersdemente Heldinnen und Helden mit ihren individuellen Eigenwilligkeiten an einer Art gegenläufigen institutionellen Demenz zu verzweifeln. Auch Unvernunft ist ein Menschenrecht.

Gesundheit ist (neben „Philosophie und Menschenrechten“ und den derzeit wohl unvermeidlichen „Muslimen in Europa“) ein Schwerpunkt des diesjährigen „One World Berlin“. Doch auch die anderen weltbewegenden Themen von Südafrika bis Tschetschenien kommen vor: So zeichnet etwa der schon auf mehreren Festivals ausgezeichnete Iraq in Fragments von James Longley (Dienstag im Arsenal) in einem sehr persönlich gefilmten und geschnittenen Triptychon eindringliche, ungewöhnliche Bilder aus dem kriegszerrissenen Land.

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