„Unwiderstehlich“ im Renaissance-Theater : Etwas nagt an ihm

Unterhaltsames Psychoduell im Renaissance-Theater: Antoine Uitdehaag inszeniert „Unwiderstehlich“ mit Anika Mauer und Boris Aljinovi ć.

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Boris Aljinovi ć und Anika Mauer in "Unwiderstehlich".
Boris Aljinovi ć und Anika Mauer in "Unwiderstehlich".Foto: Eventpress Hoensch

Es heißt ja, Liebe geht durch den Magen. Für Eifersucht gilt das auch. Der Mann, von dem hier die Rede ist, hat seine Frau erwürgt, zerlegt, gekocht und verspeist. Der Inhaber eines Partyservices konnte die serielle Untreue seiner Gemahlin nicht mehr ertragen. Weswegen er sie sich leider einverleiben musste. Das klingt extrem und ereignet sich in der durchschnittlichen Paarbeziehung eher selten, zugegeben. Aber das Stück „Unwiderstehlich“ des französischen Autors Fabrice Roger-Lacan gibt sich doch einige Mühe, zumindest die Impulse hinter dem kannibalischen Akt zu erforschen. Wenn auch über Umwege und ohne explizite Darstellungen des Kochvorgangs. Der Horror ist hier rein psychologischer Natur.

Fabrice-Lacan erzählt in „Irrésistible“, so der Originaltitel, von einem „Er“ und einer „Sie“. Er ist Strafverteidiger und vertritt vor Gericht den eingangs beschriebenen Kriminellen. Sie ist Verlagslektorin und kehrt gerade von einem Termin mit einem Autor zurück, der einen soliden Ruf als Casanova des Literaturbetriebs hat. Beide sind sie also mit einem Frauenfresser zugange. Damit könnten sie es bewenden lassen und sich einen schönen Abend machen. Bloß nagt da etwas an ihm. Er muss unbedingt wissen, weshalb sie die Essenseinladung des Filous ausgeschlagen hat. Wenn der doch so unwiderstehlich ist. Also startet der Anwalt ein rhetorisch kunstvolles Kreuzverhör aus Unterstellungen und Hypothesen: „Wenn du nicht mit mir leben würdest … Wenn ich nicht existieren würde… hättest du genauso reagiert?“ Das Resultat ist nicht bloß ihr Geständnis, sich tatsächlich sexuell zum Don Juan hingezogen zu fühlen. Sondern eine gepackte Reisetasche.

So gut waren Anika Mauer und Boris Aljinović am Renaissance-Theater noch nie

Von Roger Fabrice-Lacan lief vor zehn Jahren am Renaissance-Theater bereits die Farce „Der Krawattenclub“ mit Gedeon Burkhard und David Bennent. Ebenfalls ein Stück über Obsessionen, die sich auf die Mitgliedschaft in einem schrägen Schlipsträger-Verein richteten. „Unwiderstehlich“ dringt tiefer. Es ist eine grundbittere Tragikomödie von eigener Logik und Zwangsläufigkeit, die von der Triebnatur des Menschen erzählt. Und der Trieb geht eben meistens dahin, kaputt zu machen, was man hat. Woraus sich ein ziemlich ausgefuchstes und hoch unterhaltsames Psychoduell entwickelt. Man merkt, dass Fabrice-Lacan der Enkel des berühmten Psychiaters und Autors Jacques Lacan ist.

Regisseur Antoine Uitdehaag inszeniert „Unwiderstehlich“ im standesgemäßen Upperclass-Loft (Bühne: Momme Röhrbein) und mit feinem Sinn für die Untertöne und Fallstricke des Dialogs. Wobei er mit Anika Mauer und Boris Aljinović zwei Darsteller hat, die jedes drohende Beziehungsklischee souverän aushebeln. Beide hat man schon oft gut am Renaissance-Theater gesehen, aber so gut noch nie. Sie ist einfach großartig als emanzipierte Lektorin, die sich mit maximaler Gewandtheit der Rolle der Missetäterin entzieht; er als erfolgsgewohnter Anwalt, der mit zunehmender Hanswurstigkeit zum Opfer seiner eigenen Verunsicherung wird. Darüber vergisst man fast, dass Fabrice-Lacan kein Ende findet und sich das Stück schließlich sozusagen selbst kannibalisiert.

wieder 24. – 29. und 31. März, weitere Vorstellungen im April und Mai

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