Kultur : Unwiederbringlich

Der Brand in der Anna Amalia Bibliothek ist eine nationale Kulturkatastrophe

Marius Meller,Christina Tilmann

„Das literarische Gedächtnis hat schweren Schaden genommen, ein Stück Weltkulturerbe ist unwiederbringlich verloren.“ So bringt Kulturstaatsministerin Christina Weiss nach dem Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ihre Betroffenheit zum Ausdruck. Es handle sich um eine „nationale Kulturkatastrophe“.

Am Donnerstag gegen 20.30 Uhr war im Dachstuhl des Weimarer „Grünen Schlösschens“, einem der schönsten deutschen Bibliotheksbauwerke und einer der weltweit wichtigsten Büchersammlungen, der katastrophische Funke übergesprungen. Er entfachte ein Feuer, das nach ersten Schätzungen 30000 von 120000 Büchern, Drucken und Handschriften vernichtete und den berühmten Rokoko-Saal erheblich beschädigte. 1998 war die Bibliothek in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen worden.

Obwohl man über das Ausmaß des Schadens bislang nur spekulieren kann, kommen Spezialisten ins Grübeln, wenn man sie danach fragt, wann es hierzulande einen vergleichbaren Bibliotheksbrand gegeben habe. Maria von Katte, Wissenschaftlerin an der Wolfenbütteler Herzog August Bibliothek, muss unweigerlich an den Brand der Bibliothek von Alexandria in der Antike denken. In Deutschland sei Vergleichbares allenfalls im Zweiten Weltkrieg geschehen, etwa als das Staatsarchiv Hannover verbrannte oder die Luthersammlung der Berliner Staatsbibliothek. Eher passt eine literarische Assoziation: Die apokalyptische Dimension eines Bibliothekenbrandes hat Umberto Eco in seinem Roman „Der Name der Rose“ beschworen – als schockierende Verwundung des Geistes durch die materielle Vernichtung von kulturellem Gedächtnis.

Eigentlich sollten die Bestände des Schlösschens im Oktober in dn das neue Tiefenmagazin umziehen, das im Februar 2005 feierlich eröffnet werden sollte. Wäre das Feuer nur einen Monat später ausgebrochen – zumindest die Druckwerke und Handschriften wären in Sicherheit gewesen.

Die Tragik dieser Konstellation ist kaum fasslich. Sie erscheint als die ins Negative gewendete glückliche Gründungsgeschichte der Bibliothek: Die bibliophile Herzogin Anna Amalia, der gute Geist des Weimarer Musenhofs, ließ das Schlösschen 1761–1766 liebevoll zum Bibliotheksgebäude ausbauen, um dort die Herzogliche Büchersammlung aus dem Weimarer Stadtschloss unterzubringen. So rettete sie die Bücher. Denn 1774, acht Jahre nach dem Umzug, brannte das Stadtschloss bis auf die Grundmauern aus. Schon damals umfasste der Bestand rund 50000 Bücher und Codices, darunter über 600 wertvolle Bibeln und eine Sammlung von Flugschriften aus der Lutherzeit. Laut Hellmut Seemann, dem Präsident der Stiftung Weimarer Klassik, konnten die Bibeln nun gerettet werden, darunter eine kolorierte Lutherbibel von 1534.

Als Herzog Carl August 1797 die Oberaufsicht über die Bibliothek dem Geheimrat Goethe übertrug, umfasste die Sammlung etwa 60000 Bände. 35 Jahre lang war Goethe Chefbibliothekar, bis zu seinem Tod. In dieser Zeit hat sich die Zahl der Bestände mehr als verdoppelt; allmählich wurde die Sammlung zur bedeutendsten Forschungsbibliothek für die deutsche Literatur von 1750–1850. Was Wolfenbüttel für die frühe Neuzeit und das 17. Jahrhundert darstellt, bedeutet Weimar für die Deutsche Klassik. Vielerlei Spezialsammlungen, etwa die Musikbibliothek Anna Amalias oder ein Mozart-Autograph (das Klavierkonzert B-Dur KV 450) ergänzen die Bestände. Das Schicksal der wesentlich vom Brand betroffenen Musikaliensammlung ist derzeit ungewiss.

Der zentrale Saal von 1766 war einer der schönsten deutschen Rokoko-Bücherräume, ähnlich bedeutend wie Wolfenbüttel und die Klosterbibliotheken von St. Gallen sowie St. Peter im Schwarzwald. Wände aus Büchern, von beiden Seiten zugänglich, bilden in Weimar ein elegantes Oval, einen Raum im Raum. Von der hohen Galerie blicken Büsten früherer Bibliotheksbenutzer: Goethe und Schiller, Wieland und Herder. Noch eine Etage höher ist die Stuckdecke zu einer weiteren Galerie durchbrochen. Herzogin Anna Amalia selbst hatte die Idee zu dieser eleganten Raumbildung, die den ungünstig hohen und schmalen Rechteckbau des Grünen Schlösschens in einen idealen Bibliotheksraum verwandelte.

Nun wurde die ingeniöse Raumlösung der Anna Amalia Bibliothek zum Verhängnis: Das Feuer, im Dachstuhl über dem Saal ausgebrochen, fraß sich durch bis auf die zweite Galerie. Teile der Deckenkuppel lösten sich und stürzten in den Saal. Um zu verhindern, dass die Decke vollständig einstürzt, hatten Rettungskräfte noch in der Nacht Stützen eingezogen. Die Gefahr sei allerdings noch nicht gebannt, betont Weimars Bürgermeister Stefan Wolf. Zwar konnten die Bibliotheksmitarbeiter viele der hier gelagerten Schätze retten, doch auch der architektonische Schaden des ohnehin dringend sanierungsbedürftigen Hauses ist unabsehbar.

Vom schleichenden Tod war die Anna Amalia Bibliothek schon lange bedroht. Seit Jahren klagen Weimars Bibliothekare über Feuchtigkeitsschäden und faulende Holzböden. Das Fundament des ursprünglich als kleines Wohnschlösschen geplanten Renaissancebaus von 1565 erwies sich als instabil. Rund 90 Prozent der Bestände waren zuletzt unter teils miserablen Bedingungen über die ganze Stadt verstreut.

Schon Mitte der Neunzigerjahre hatte Bibliotheksdirektor Michael Knoche auf die Gefahren hingewiesen: Vor allem das Herzstück der Sammlung, die zwanzig Quadratmeter große Handschriftenkammer, sei zwar besonders gut gegen Diebstahl geschützt, aber besonders schlecht gegen Feuchtigkeit. Rund neunzig Bände waren damals von Schimmel befallen und mussten für rund eine Million Mark restauriert werden.

Bund wie Land wurden sich ihrer Verantwortung erst langsam bewusst. Erst als die Stadtverwaltung aus dem „Roten Schloss“ am Platz der Demokratie auszog, bot sich eine Lösung für die klimatisch ungünstig gelagerten Schätze. Das „Rote Schloss“, verbunden mit dem „Gelben Schloss“, in dem bereits Bibliotheksbestände lagern, werden nun , ergänzt durch einen Erweiterungsbau, die Bestände aufnehmen. Zu spät, wie gesagt: Beim Umzug in die rund 24 Millionen Euro teuren neuen Bibliotheksgebäude und in das brand- wie wassersichere Zentralmagazin unter dem Platz der Demokratie werden etliche Schätze nicht mehr dabei sein.

Eigentlich sollte in diesem Jahr auch die Sanierung des Stammhauses beginnen, einschließlich der veralteten Brandschutzanlagen. 8,5 Millionen Euro waren veranschlagt; Eröffnung sollte 2007 sein, zum 200. Todestag Anna Amalias. Geplant waren hier das „Zentrum für das alte Buch“ und die Restaurierungswerkstatt, Rokokosaal und Renaissance-Säle sollten zur Besichtigung freigegeben werden.

Während die Ruine des „Grünen Schlösschens“ noch raucht, werden nun alle geretteten Bücher schockgefroren und in Kühlhäuser verbracht, um später Stück für Stück in einem aufwändigen Verfahren restauriert zu werden. Ein Katastrophenszenario aus der Welt des Geistes. Die Welle der Solidarität, von Kunstfest-Intendantin Nike Wagner bis zur Allianz von Deutschlands Bibliotheken, ist kaum ein Trost.

GEGRÜNDET

wurde sie von Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar. Herzogin Anna Amalia baute sie aus, man zieht in das „Grüne Schlösschen“ , der Rokoko-Saal entsteht, Goethe erweitert auf rund 120000 Bände . Heute umfasst die Sammlung rund eine Million Bände , darunter 3000 mittelalterliche Handschriften, 500 Inkunablen, die Bibelsammlung und rund 12500 Bücher zum „Faust“ . Der Neubau (24 Mio. €) sollte 2005 bezogen werden.

SOFORTHILFE

von 4 Mio. Euro sagte Christina Weiss zu. Unterstützung bieten die Deutsche Bücherei Leipzig, Wolfenbüttel und die „Allianz der Bibliotheken“. Spendenkonto Nr. 301040400, Sparkasse Mittelthüringen, „Brandkatastrophe“.

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