Unwort des Jahres 2006 : "Prozessönokomie" ist einer der Favoriten

Seit 15 Jahren wird das Unwort des Jahres gekürt. Horst Dieter Schlosser kam die Idee beim Abendessen, als mal wieder das Wort des Jahres verkündet wurde. Am Freitag wird der Sprachverunstalter 2006 bekannt gegeben.

Frankfurt/Main - Auf einer Veranstaltung der Gesellschaft für deutsche Sprache regte Schlosser erstmals öffentlich eine solche Wahl an, und das das Echo war sofort positiv. Der Sprachwissenschaftler rief eine Jury zusammen und verkündete Anfang 1992 das erste Unwort - "ausländerfrei".

"Ich habe mich schon immer über Wortschöpfungen geärgert, die im Sprachgebrauch vermieden werden sollten", blickt der Jury-Sprecher auf die Anfangszeit zurück. "Einige Begriffe sind hart an der Grenze zur Verletzung der Menschenwürde, und manchmal ist der Tatbestand bereits erfüllt." Am Freitag wird Schlosser, der an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main tätig ist, anlässlich der 390. Wiederkehr der Gründung der ersten deutschen Sprachgesellschaft zum 15. Mal das Unwort des Jahres bekannt gegeben.

Vorauswahl ist zufällig

Was die sechsköpfige Jury betreibt, ist nach Einschätzung ihres "Chefsprechers" nicht repräsentativ: "Schon die Vorauswahl hängt von vielen Zufällen ab." Im Jahr der Fußball-WM sei die Torwartfrage oft genannt worden. "Und der wochenlang die Schlagzeilen beherrschende Problembär Bruno ist in der Häufigkeitsskala sogar auf Platz drei gekommen", so der Experte. Fraglich sei, ob es sich bei diesen beiden Wörtern überhaupt um ein Unwort handele.

Gestritten über Sinn und Unsinn der Unwort-Wahl wurde in den anderthalb Jahrzehnten immer wieder. "Einen Aufschrei der Fachwissenschaftler lösten wir mit der Auswahl von 'Humankapital' aus", sagt Schlosser. Ungewöhnlich heftige Reaktionen gab es auch auf die Platzierung des Kohl-Ausspruch vom kollektiven Freizeitpark auf der Unwort-Liste. "Das Bundeskanzleramt hat damals die Jury massiv beschimpft, uns Lüge und Betrug vorgeworfen", erinnert er sich.

1130 Vorschläge für das Unwort 2006

Cleverer war da der einstige Vorstandschef der Deutschen Bank, Hilmar Kopper. "Der machte seine Wahl noch zu Geld", sagt Schlosser. Kopper habe einige Monate später in einer ganzseitigen Fotomontage-Anzeige auf einem mit Erdnüssen beladenen Güterwaggon gesessen und die "FAZ" gelesen. Jeder wusste Bescheid - Peanuts.

Der Nebenjob von Schlosser ist längst zu einer Jahresbeschäftigung geworden: "Nachdem eine Aktion beendet ist, geht es sofort weiter". So lagen der Jury im Vorjahr bereits mehr als 500 Wortmeldungen vor, bevor im Herbst überhaupt zu Vorschlägen aufgerufen wurde. Mittlerweile sind die Experten dankbar über so viel Eigeninitiative: "Man vergisst sehr schnell, was zum Jahresanfang so an Unfug geredet wird."

In diesem Jahr liegen der Jury 1130 Vorschläge vor. Insgesamt gab es 2247 Einsendungen. "Wir lassen uns bei der Auswahl aber nicht vom meist genannten Wort beeindrucken", sagt Schlosser. Es gehe immer nach inhaltlichen Kriterien. Nur einmal gab es bislang eine Übereinstimmung zwischen den meisten Einsendungen und dem Jury-Votum - beim Wort Kollateralschaden. "Das hätten wir auch gewählt, wenn es nur einer eingeschickt hätte", sagt der Wissenschaftler.

Favoriten: "Multikultischwuchtel" und "Neiddebatte"

Das Unwort 2006, das am Freitag in Köthen verkündet wird, steht noch nicht fest. Jedes Jurymitglied hat zunächst fünf Favoriten aus allen Einsendungen aufgelistet, die dann in einer gemeinsamen Zusammenkunft auf den Prüfstand stehen. Trotzdem ufere diese Entscheidungsrunde nicht aus. "Obwohl wir uns manchmal heftig streiten, war die bislang längste Sitzung nach etwa zwei Stunden vorbei."

Chancen in diesem Jahr haben Begriffe wie "kindgerechte Abschiebung", "Kleinvoliere" für Kleinstkäfige in der Massenhühnerhaltung, "Multikultischwuchtel" zur Diskriminierung bestimmter Politiker, "Neiddebatte" als Verhöhnung der Kritik an hohen Managergehältern, "Prozessökonomie" für die Einstellung von Strafverfahren.c

(tso/ddp, Wolfgang Schönwald)

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