Kultur : Unwürdige Neckereien sorgloser Menschen

Im Schatten des Zweifels am Dichter: zur Verleihung des Chamisso-Preises an Asfa-Wossen Asserate, den Autor der „Manieren“

Katrin Hillgruber

Ringende Dioskuren säumen den Aufgang zur Bayerischen Akademie der Künste in der Münchner Residenz, einer Trutzburg der Neorenaissance. Ein Sohn des Zeus hält siegreich einen Löwen umklammert, ein anderer hat im Schweiße seines steinernen Angesichts ein Wildschwein bezwungen. Nicht minder gewaltig fielen die Anstrengungen bei der Vergabe des Adelbert-von-Chamisso-Preises aus, jeglichen Verdacht an der alleinigen Autorschaft des Prinzen Asfa-Wossen Asserate an dem prämierten Buch „Manieren“ auf ewig in Grund und Boden zu verdammen.

Das Sittenbrevier des Großneffen des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie I. liegt mittlerweile in der sechsten Auflage in Hans Magnus Enzensbergers „Anderer Bibliothek“ bei Eichborn vor. 100000 Exemplare wurden an das deutsche Lesepublikum verkauft, das sich seltsam kanonsüchtig geriert und sich mit egozentrischer Wonne vom „Blick des Fremden“ in Augenschein nehmen lässt. Die Republik sehnt sich nach mundgerechten Benimm-Stücken, und der exotische Touch eines schwarzen Aristokraten kommt da gerade recht.

Enzensberger, der auch als Herausgeber des wegen der Quellenlage umstrittenen Tagebuchs der „Anonyma“ firmiert, mischte sich in München wie stets mit wissendem Lächeln unter die Festgemeinde. Der 75-jährige Akademie-Präsident Wieland Schmied würdigte ihn, der Asserate einst zum Schreiben angeregt hatte, als „Instanz des literarischen Lebens in unserer Republik, der absolutes Vertrauen gebührt“.

Katharina Rutschky hatte als Erste das Frankfurter Gerücht zum manifesten Verdacht befördert, Asserates Freund Martin Mosebach habe nicht nur lektorierend, sondern als Ghostwriter an den „Manieren“ mitgewirkt und – zur Ergötzung Eingeweihter – entsprechende stilistische Fährten zu seinem eigenen Werk gelegt (Tsp. vom 24.1.). Das ließ die Forderung laut werden, Asserate solle den mit 15000 Euro dotierten Preis der Robert-Bosch-Stiftung ablehnen. Schmied nannte diese Vorwürfe unisono mit der „FAZ“, die das Buch als Vorabdruck gebracht hatte, „stillos“ und verkleinerte sie in Anlehnung an Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ zu „wundersamen Argumenten“. Den Kritikern aus den „dark and bloody grounds“ des Kulturbetriebs müsse man gar dankbar sein, hätten sie doch Schlemihl seinen verlorenen Schatten zurückgegeben sowie dem Preis gehörige Publizität verschafft. Davon konnten Zsusza Bánk („Der Schwimmer“) als zweite Hauptpreisträgerin und die Berliner Türkin Yadé Kara, die für ihren Roman „Selam Berlin“ den Förderpreis von 7500 Euro erhielt, jedoch nur bedingt profitieren.

Von heimlichen Lektoren und tatkräftigen Text-Hebammen war an diesem Abend viel die Rede. Asserates Laudatorin, die Romanistin Ute Stempel, meinte, der deutsch schreibende Äthiopier sei kein „Molestus“, dem rhetorisch aufgeholfen werden müsse. Der 48-Jährige, der einst vor der Revolution nach Deutschland floh, dankte Hans Magnus Enzensberger für dessen „erfahrenen Rat“. Schon der Prophet Mohammed sei mit dem haltlosen Vorwurf konfrontiert gewesen, er habe den Koran abgeschrieben. Martin Mosebach schließlich habe ihm 30 Jahre lang in Gesprächen das Bild Deutschlands deutlich werden lassen: „Es war ein Glücksfall, dass er bereit war, mir bei der sprachlichen Politur meines Buches zu helfen.“

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Wie befand Asserates geistiger Ahnherr Adolph von Knigge über die Journalisten: „Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr System passt und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen Stoff zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der besten, sorglosesten, planlosesten Menschen.“

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