Kultur : Unzufrieden, nicht selbstzufrieden

Ekkehart Krippendorffs Erinnerungen.

Hannes Schwenger







Ekkehart Krippendorff: Lebensfäden. Zehn autobiographische Versuche. Verlag Graswurzelrevolution Heidelberg 2012. 480 Seiten, 24,90 Euro.

Natürlich hat Ekkehart Krippendorff nicht gewusst, dass er damit seine Lebenslinie traf, als er sich 1950 mit sechzehn Jahren dem „Wandervogel“ anschloss. Ein Wandervogel ist er nicht nur mit seinem urdeutschen Namen und seiner ebensolchen Erscheinung, sondern auch in seiner akademischen Laufbahn und als politischer Wanderer zwischen den Fronten geblieben, wenn man seinen autobiografischen „Lebensfäden“ folgt, die er zu einem 500-Seiten-Buch verknüpft hat.

Nach seinem Studienbeginn in den fünfziger Jahren zu Füßen Arnold Bergstraessers und Martin Heideggers geriet er in Berlin in die Stürme der Studentenbewegung und wurde an der Freien Universität zum „Fall Krippendorff“, bevor ihn die dort abgelehnte Habilitation zurück nach Tübingen und dann in die weite akademische Welt – Harvard, Bologna, Urbino – führte. Es war der ebenso liberale wie konservative Theodor Eschenburg, der ihm in Tübingen die in Berlin verweigerte Habilitation ermöglichte und damit nicht nur ihm, sondern auch der Freien Universität eine zweite Chance gab: Denn achtzehn Jahre später wurde Krippendorff auf Betreiben von Peter Glotz doch noch nach Berlin berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1999 am Kennedy-Institut Internationale Beziehungen lehrte. Am benachbarten Otto-Suhr-Institut verabschiedete er sich bei dieser Gelegenheit mit einer Bilanz seiner politikwissenschaftlichen Biografie und nannte sie „Unzufrieden. 40 Jahre Politikwissenschaft“. Das trifft es, denn das sei „die Katastrophe“ – so hat es sein Freund und Fachkollege Wolf-Dieter Narr in seiner Laudatio auf ihn gesagt –, „dass es so weitergeht. Bombenteppiche, Diskriminierungsgesetze, akrobatische Akte der Rationalisierung, und letztere im Rahmen der Wissenschaften, der armen Intellektuellen (wenn nicht der intellektuell Armen) an vorderster Rückfront“.

Grund genug also zu notorischer Unzufriedenheit, aber nie zu Selbstzufriedenheit. So bekennt Krippendorff, der 1967 eine „Anleitung zum Handeln“ der amerikanischen Linken nach Berlin importierte, er habe noch 1968 „Gewalt als letztes Mittel nicht ausgeschlossen“. Aber: „Die Erfahrung mit fast allen erfolgreichen Befreiungsbewegungen hat mich eines Besseren belehrt … Kein guter Zweck wird durch die schlechten Mittel (Gewalt, Krieg) geheiligt, er wird vielmehr deren erstes Opfer.“ Sein wissenschaftlicher Einstand – ein Klassiker dieser jungen Disziplin – war denn auch seine Studie über Friedensforschung in der Neuen Wissenschaftlichen Bibliothek unter der Ägide von Jürgen Habermas. Inzwischen relativiert er auch die blinde Fixierung des 68er-Antifaschismus auf die deutsche Elterngeneration; er habe den Nationalsozialismus „erst sehr viel später als einen Deutschland transzendierenden europäischen Sündenfall“ erkannt und am Vergleich des deutschen Widerstands und seiner Opfer mit dem Mythos der italienischen Resistenza den „verklemmten Komplex, einer ostentativen Scham, Deutscher zu sein“ überwunden.

Sogar der Ordinarienuniversität, die ihm so übel mitspielte, als ihn Ernst Fraenkel in Berlin als Assistent „feuerte“, kann er im Rückblick etwas abgewinnen: Es habe in ihr sowohl Intimität wie Distanz zwischen Lehrenden und Lernenden gegeben, und im Studium generale und fächerübergreifenden Dozenten-Arbeitsgemeinschaften habe es Dinge gegeben, „von denen die heutige Universität nur träumen kann“. Deren einzige Reformchance sieht er in einer „Rück-Entwicklung hin auf kleine, überschaubare Universitäten“. Vom Bologna-Prozess hält Ekkehart Krippendorff, einst Professor in Bologna, noch weniger: nichts.Hannes Schwenger

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