Ur-Dadaist Hugo Balll : Der Mönch mit dem Karnevalsrevolver

Lallen im Namen Gottes: 125 Jahre nach seiner Geburt erlebt der Ur-Dadaist Hugo Ball eine Renaissance.

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Kubistisch selbstgeschneidert. Ball trägt „Verse ohne Worte“ vor (1916).
Kubistisch selbstgeschneidert. Ball trägt „Verse ohne Worte“ vor (1916).Foto: picture-alliance / akg-images

Im Jahr 2007 sendete das Südwest-Fernsehen eine Ranking-Gala. Auf Platz eins landete der Erfinder des Buchdrucks, auf zwei ein Fußballer, auf einhundert Rudolf Scharping. Das Publikum hatte über die „100 größten Rheinland-Pfälzer“ abgestimmt. Knapp vor Scharping schlug auf Rang 96 ein Mann auf, der im Internet-Begleittext als „gleichermaßen Punk wie Mönch“ apostrophiert worden war. Das hat die Zuschauer offenbar nicht für den Mann eingenommen.

Es hatte schon Lenin missfallen, was er zusammen mit fünf Gesinnungsgenossen veranstaltete, 1916, in der Zürcher Spiegelgasse. Jedenfalls wird kolportiert, dass Lenin, dort ebenfalls ansässig, nächtens ab und zu hinüber zur „Künstlerkneipe Voltaire“ gestampft sei, um sich über den Radau der Dadaisten zu beschweren – der Punks des Kaiserreichs.

Anführer der fünf Radaubrüder und einer Radauschwester war eben jene Nummer 96, Hugo Ball: Theatermann und Schriftsteller, geboren am 22. Februar 1886 in Pirmasens. Einem in Zürich gestrandeten holländischen Seemann hatte Ball einen Kneipensaal abgeschwatzt, um dort mit einer multinationalen Bande „Negerrhythmen“, Debussy und animistische Maskentänze aufzuführen. Nach ein paar Monaten zog er sich zurück und betrachtete vom Tessin aus, wie seine früheren Mitstreiter Dada zum Ismus machten, die Meute Zulauf bekam, sich von Zürich verabschiedete, über Berlin, Paris, New York hereinbrach, sogar über Köln und Hannover. Hugo Ball wurde Zeitungsmann, Pamphletist und schließlich fromm. 1927 starb er im Tessin an Magenkrebs.

Einen großen Roman hat er nie veröffentlicht. Einen mittleren und einen kleinen schon, beide jubiläumsbedingt neu ediert: „Flametti“ literarisiert die Berliner Varieté-Zeit Balls und seiner Lebensgefährtin (und späteren Frau) Emmy Hennings. „Tenderenda der Phantast“ ist dagegen eher ein dadaistisches Exerzitium in Romanform. Man findet es in dem Band „Zinnoberzack, Zeter und Mordio“. Romane waren nicht Balls Ding. Auch Deutschland nicht, vor dem er 1915 davonrannte, nicht weil ihn Polizeischergen verfolgten, sondern wegen der allgemeinen Kriegsgeilheit und der Hetztiraden, gerne auch vom Katheder.

Über Balls Studentenjahre weiß man wenig. Zumindest in seiner Heidelberger Zeit wird es ihm jedoch kaum gelungen sein, dem damals dominanten (Neu)-Kantianismus zu entkommen, dessen „südwestdeutsche“ Variante auch unter „Wertphilosophie“ firmierte. Diese Wertphilosophen waren nicht so schlecht, wie Balls „utopischer Freund“ Ernst Bloch sie später machte. Doch manche Kantverehrer konnten sehr unappetitlich werden. Deutschland, hieß es etwa, habe „den Hass gelernt“ und müsse sein „Heer, das aus Kulturmenschen besteht wie kein anderes, dieses höchste und edelste Menschenmaterial, in den Kampf schicken gegen den entfesselten Auswurf der schwarzen und der gelben Rasse“.

Ball kannte diesen Schwachsinn, den sein Heidelberger Ordinarius Wilhelm Windelband verzapft hatte, vermutlich nicht, dafür aber genug vergleichbaren Ramsch. „Kultur“ und „Wert“, das klang längst wie „Schrapnell“ und „Senfgas“. Da die Sprache nun mal verrottet war, baute Ball sie aus unschuldigen Elementarteilchen neu – mit Hilfe von „Versen ohne Worte“. Diese ersten Lautgedichte des 20. Jahrhunderts lassen sich auch als Glossolalien, als ein Lallen angesichts der Unaussprechlichkeit Gottes lesen. Nach Balls Bekunden näherten sich seine Deklamationen im Cabaret Voltaire dem Melos katholischer Lamentationen an.

Das deutsche Verhängnis war für Ball denn auch ein protestantisch-preußisches mit den Lieblingsfeinden Luther und Kant, dem „Philosophen der Kaserne“, das System eines der zwanghaften Zweckrationalität nebst Vergötzung des Staates. Diesem „Mechanismus“ wollte Ball sich entziehen, er suchte „eine Lebensform, die der Verwendbarkeit widersteht“, eine „Hingabe an den Gegensatz all dessen, was brauchbar und nutzbar ist“ – nicht zuletzt gegen den „Wirtschaftsfatalismus“ seiner von Thyssen, Krupp und Flick dominierten Stahlzeit, die Kulturmenschentum via Kanonenbau definierte. Eine ferne Zeit, in der Bakunin, frühchristliche Asketen und sogenannte Naturvölker Boten einer besseren Welt waren – zumindest für Ball. Die Mausklick- und Derivatezeit wäre ihm wohl nicht geheurer.

Statt sie verstehen zu wollen und sich darüber vielzuteilen, könnte man sich ihr vielleicht verweigern, wie er es in „Die Flucht aus der Zeit“ empfiehlt, seinem großen Aphorismen- und Fragmentebuch, das im Herbst bei Wallstein neu erscheinen soll. Der Philosoph Gerhard Deny erinnert in diesem Zusammenhang an Platons „Flucht in die logoi“, nachzulesen im neu erschienen Sammelband „Hugo Ball. Der magische Bischof der Avantgarde“. Man könnte aber auch Dada neu denken und den Karnevalsrevolver nachladen.

1923 erschien Balls „Byzantinisches Christentum“. Es beinhaltet eine Abhandlung über Dionysius Areopagita (DA), einem Schemen der Zeit um 500 n. Ch. Ball legte eine Spur: „Als mir das Wort Dada begegnete, wurde ich zweimal angerufen von Dionysius. D.A. – D.A.“. Der Philosoph Kurt Flasch liest das so: „Man kann einwenden, das sei ein dadaistischer, aber kein gedanklicher Zusammenhang zwischen Dada und Dionysius Areopagita. Ich antworte: Der Dadaismus ist auch zu dem Zweck erfunden worden, unser gewöhnliches Konzept von gedanklichem Zusammenhang zu erweitern.“

Zwar haben die Rheinland-Pfälzer Hugo Ball 2007 niedergerankt, aber wenigstens die Zürcher wissen, was sie an Nummer 96 hatten: In der Spiegelgasse gibt es wieder ein Cabaret Voltaire, und es soll auch künftig eines geben, so das Ergebnis einer Volksabstimmung 2008. Die Schweizer Rechtspopulisten haben Minarette verhindert. Gegen Dada hatten sie keine Chance.

Hugo Ball: Flametti oder vom Dandysmus der Armen. Roman. Parthas Verlag, Berlin 2011. 256 Seiten, 22 €.

Hugo Ball: Zinnoberzack, Zeter und Mordio. Alle Dada-Texte. Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 144 S., 14,90 €

Michael Braun (Hg.): Hugo Ball. Der magische Bischof der Avantgarde. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2011. 148 Seiten, 18,90 €.

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