Kultur : Uran-Munition: Präventivschlag

Robert Birnbaum

"Uran-Munition ist immer noch am tödlichsten für Leute, die sie trifft", sagt am Mittwoch ein Kabinettsmitglied. Es ist nicht ganz klar, ob er nur an Menschen in zerschossenen Fahrzeugen denkt oder politischen Kollateralschaden mit im Sinn hat. Falsch läge der Mann so oder so nicht. Seit Tagen muss sich sein Minister-Kollege Rudolf Scharping des Vorwurfs erwehren, flapsig mit einem brisanten Thema umgegangen zu sein. Seit Dienstagabend hat der Verteidigungsminister womöglich ein richtiges Problem. Das Problem heißt Plutonium.

"Wenn Plutonium ins Spiel kommt, gehen alle Alarmglocken an", sagt Generaloberstarzt Karl Demmer. Der Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr steht am Mittwochmorgen im zweiten Stock des Reichstags und macht eine sorgenvolle Miene. Gleich soll Scharping dem Verteidigungsausschuss des Bundestages Antworten geben auf drängende Fragen. Bis vor ein paar Stunden schien das nicht so schwierig zu werden. Je mehr an Studien und wissenschaftlichen Expertisen bekannt wurde, desto mehr schien sich die Einschätzung als richtig zu erweisen: Von den panzerbrechenden so genannten DU-Projektilen, von denen US-Tiefflieger im Kosovo-Krieg 31 000 Stück verschossen haben, geht für die zehntausende Bundeswehr-Soldaten der KFOR-Truppe keine Gefahr aus. Was immer europaweit bei einem guten Dutzend Ex-Kämpfern der KFOR und der Bosnien-Friedenstruppe SFOR Leukämie ausgelöst hat - Uranstaub war es wohl nicht. Das Schwermetall strahlt zwar, ist aber vor allem giftig: Nierenprobleme wären nach Einschätzung vieler Mediziner zu erwarten oder Lungenleiden; Blutkrebs eher nicht.

Scharping hatte das von Anfang an gesagt. Dass die Uran-Geschichte trotzdem für ihn zum Problem wurde, lag an jener Mischung aus Trotz und falscher Einschätzung der eigenen Lage, mit der er sich schon öfter selber in die Quere gekommen ist. Tagelang durften Scharpings Presseleute nur dürre 20-Zeilen-Erklärungen verlesen. Eine Studie des GSF-Forschungszentrums an KFOR-Soldaten wurde als Geheimsache behandelt - obwohl sie Scharpings Urteil bestätigte. Noch als das Papier auf Umwegen in den Zeitungsredaktionen angekommen war, stoppte die politische Leitung des Ministeriums die Herausgabe einer umfangreichen Dokumentation zugunsten des nächsten dürren 20-Zeilers.

Scharping wurde der Gefahr erst gewahr, als europaweit längst Massenuntersuchungen liefen und der Kanzler auf Aktion drängte. Dann kam es Schlag auf Schlag. Ist DU-Munition - wie es ein bislang anonymer Ex-Soldat behauptet - auch von Deutschen getestet worden? Scharping weiß es nicht, will sich bei den Vorgängern kundig machen. Die hatten, ob sozial- oder christdemokratisch, die Einführung der Uranmunition bei der Bundeswehr stets abgelehnt. "Wenn man sagt, dass man verzichtet, hat man vorher getestet", vermutet die Grünen-Wehrexpertin Angelika Beer. Scharping hält es für denkbar, dass die Wehrindustrie mit der Anti-Panzer-Waffe experimentiert hat.

Und dann eben Plutonium. Auf die Spur kam ein vom UNO-Umweltprogramm UNEP in den Kosovo entsandtes Team. Die Experten fanden in DU-Munitionsresten das Uran-Isotop 236. Unep-Chef Klaus Töpfer, als Ex-Atomminister einschlägig erfahren, erkannte sofort die Brisanz. Dieses seltene Isotop entsteht nur bei der Wiederaufarbeitung. Mit anderen Worten: Uran-Munition stammt auch aus Atommüll. Aber Atommüll enthält stets auch Plutonium.

Was Wunder, dass der Sanitätsgeneral Demmer besorgt dreinschaut. Bisher sind die Nato-Partner davon ausgegangen, dass die Amerikaner das abgereicherte Uran für die Panzerbrecher-Granaten aus Natururan gewinnen. Das enthält zwar auch Plutonium, aber nur in geringsten Spuren. Noch am Dienstag bei der Sitzung hochrangiger Militär-Mediziner in Brüssel haben die US-Vertreter versichert: Nein, kein Atommüll. Auf dieser Basis beruhen alle Studien, die Uranmunition als unbedenklich eingestuft haben - es ist schlicht niemand auf die Idee gekommen, nach Plutonium zu suchen. Und nun Töpfers Funde, bestätigt in einem Schweizer Speziallabor!

Scharping hat das alles sehr erbost. So erbost, dass er noch am Mittwochmorgen - mit Wissen und Billigung des Kanzleramts - den US-Botschafter einbestellt hat. Scharping sagt richtig "einbestellt", was in der informellen Diplomatensprache eine recht unhöfliche Form ist, weshalb das Auswärtige Amt denn auch diplomatisch die Vermutung äußerte, der Minister habe den Botschafter eher "zum Gespräch gebeten". Am Inhalt änderte das nichts: Scharping hat den Verdacht geäußert, die Amerikaner hielten mit Informationen hinter dem Berg, und hat dringlich um Übermittlung alles Wissenswerten ersucht. Das hat der Botschafter zugesagt. Derweil ist ein Spezialistenteam der Bundeswehr auf dem Weg in den Kosovo zu weiteren Untersuchungen, auch das GSF-Forschungszentrum soll neue Studien anfertigen. Den Grund für den Aktivitätsschub, der in so auffälligem Gegensatz zum so lange eher laxen Umgang mit dem Thema stand, erklärt ein hoher Hardthöhen-Offizier höchst einleuchtend so: "Wenn das mit dem Plutonium stimmt, dann können wir unsere bisherige Linie komplett vergessen."

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