Kultur : Uran-Munition: Unter Beschuss

Friedemann Diederichs

Die nun auch in Europa heftig diskutierte Frage, ob der Gebrauch von radioaktiver Munition für Krebserkrankungen von Soldaten wie auch Zivilisten verantwortlich sein kann, beschäftigt in den USA seit Jahren Politiker, Mediziner und Rechtsanwälte. Doch während die amerikanische Regierung offiziell keinen Zusammenhang zwischen dem Einsatz sogenannter uranabgebender Geschosse und Tumorfällen, aber auch anderen Krankheitsbildern sieht, bereiten derzeit mehrere Rechtsanwälte im Auftrag von erkrankten Golfkriegs-Veteranen eine Millionenklage gegen das Verteidigungsministerium vor. Das Hauptargument der Kläger: Das Pentagon habe "rücksichtslos" eine Munition benutzt, deren verheerender Effekt auch auf die eigenen Truppen intern bekannt gewesen sei. Besonders verwerflich sei, so wollen Anwälte um den früheren US-Generalstaatsanwalt Ramsay Clark argumentieren, dass amerikanische Soldaten keine Schutzkleidung erhalten hätten und so einem Strahlungseinfluss ungeschützt ausgesetzt gewesen seien.

Uran wird bei den US-Streitkräften seit langem verwendet, um zum einen die Panzerung eigener Fahrzeuge zu verstärken, vor allem aber um die Durchschlagskraft von Geschossen zu erhöhen, die auf feindliche Ziele abgefeuert werden. Während des Golfkriegs feuerten beispielsweise US-Flugzeuge wie auch Panzer nahezu eine Million Granaten, die mit Uran gehärtet worden waren, auf irakische Ziele. Dabei wurden rund 70 Prozent der radioaktiven Beschichtung der Geschosse vor allem in Staubform freigesetzt, der sich dann bis zu 50 Kilometer weiter bewegen kann. Zusätzlich zu den Klagen amerikanischer und britischer Soldaten gibt es derzeit auch Bemühungen irakischer Zivilisten, sich einer Sammelklage in den USA anzuschliessen: Nach Angaben von Rechtsanwalt Clark besteht ein klarer Zusammenhang zwischen dem Waffeneinsatz in der Golfregion und einer mittlerweile siebenfach erhöhten Krebsrate in der irakischen Bevölkerung, unter der heute rund 250 000 Bürger leiden sollen. Betroffen seien vor allem Kinder.

Bei den Tausenden von US-Soldaten, die unter dem sogenannten "Golfkriegs-Syndrom" leiden und heute gegen Schlaflosigkeit, Nervenschädigungen oder Impotenz kämpfen, gilt der Einsatz von uranabgebenen Waffen jedoch nur als einer von mehreren möglichen Auslösern der Symptome. Vor allem Stress, das stellten Experten im Regierungsauftrag in den letzten Jahren immer wieder fest, sei der Hauptfaktor für erhöhte Krankenheitsraten bei den Betroffenen. Auch dem Thema radioaktiver Waffen hat sich eine Forschungsgruppe ausführlich gewidmet: Im Jahr 1996 stellte ein Präsident Bill Clinton beratendes Kommittee fest, es gebe lediglich ein "sehr geringes Krebsrisiko" von uranhaltiger Munition, das massgeblich von der Dosis der von Menschen aufgenommenen Partikel abhänge und dann auch erst "nach Jahrzehnten" auftrete, vermutlich in der Form von Lungenkrebs.

Die Regierungskommission weist in ihrem - von kritischen Wissenschaftlern allerdings angezweifelten - Bericht weiter darauf hin, lediglich eine einzige Tierversuchs-Testreihe habe bei Hunden habe ergeben, dass die Tiere einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt seien, wenn sie jahrelang mit Uranstaub angereicherte Luft eingeatmet hätten. Schlussfolgerung der Kommission: Es sei "unwahrscheinlich", dass die von Veteranen als "Golfkriegs-Syndrom" geäusserten Beschwerden auf uranhaltige Munition zurück zu führen seien.

Als besten Beweis dazu führt man in Washington die Beobachtungen der Medizinerin Melissa McDiarmid an: Diese betreut seit sieben Jahren 63 im Golfkrieg eingesetzte Soldaten, die in unmittelbarer Nähe gewesen waren, als uranhaltige Munition freigesetzt wurde. 15 von ihnen tragen sogar kleine radioaktive Fragmente in ihrem Körper. Bei keinem, so das Pentagon, sei bisher eine Krebserkrankung festgestellt worden. "Man kann davon ausgehen," so die Medizinerin aus dem Bundesstaat Maryland, "dass Tumorfälle bei Veteranen des Golfkriegs deshalb auf anderen Ursachen beruhen."

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