Kultur : Uraufführung des georgischen Komponisten Gija Kantschelis

Martin Wilkening

Mitte der achtziger Jahre wurde die Musik des georgischen Komponisten Gija Kantscheli auch bei uns allmählich bekannt. Die Kunde ihrer magischen Qualitäten war ihr schon vorausgeeilt, in den Urteilen anerkannter Komponistenkollegen wie Alfred Schnittke und Luigi Nono. So sehr Kantscheli sich nach außen hin von ersterem eher distanzierte, so sehr bekannte er sich selbst zum zweiten - ein Komponist der Stille und des Schweigens wie er selbst. Jüngstes Ergebnis dieser Verehrung ist die soeben bei ECM mit Gidon Kremer als Solisten erschienen CD-Einspielung von "Lamentation", einem 40-minütigen Violinenkonzert, das Kantscheli dem Andenken Luigi Nonos gewidmet hat.

1991 war Gija Kantscheli nach Westeuropa übergesiedelt, seitdem wird er mit Kompositionsaufträgen förmlich überhäuft. Seiner Musik scheint das nicht unbedingt zu bekommen. Die fortschreitende Verflachung ihres ohnehin nie sehr vielseitigen Idioms zeigt sich in der erwähnten "Lamentation"; noch stärker aber in einem Auftragswerk der Luzerner Festwochen für das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, welches das DSO jetzt in einer Doppel-Uraufführung in Luzern und Berlin vorstellte, hier im Konzerthaus heftig akklamiert.

"Rokwa" ist ein knapp 40-minütiges Orchester-Epos, das aus einem Satz besteht - quasi ein Film ohne Text und Bild, wie ein Großteil von Kantschelis Musik. Für den Hörer, der diese Musik zum ersten Mal hört, mag ihre kühl berechnete Magie vielleicht funktionieren, die verblüffende Suggestion von Musik in einem Zustand scheinbar irgendwo vor der eigentlichen Komposition. Da werden Musikfragmente zu Trägern eines psychologisch eindringlichen Erinnerungsprozesses, unterbrochen von scharfen Schnitten und - Stille. Einer Stille, in der die Musik paradoxerweise das Leben von außen in sich hineinlässt, ihre eigene, musikalische Zeit verlässt und sich in die des Lebens öffnet.

Dennoch: Das Material, aus dem Kantscheli seine MusikFilme zusammenschneidet, ist inzwischen erschreckend banal geworden. Was früher bei dieser Musik aus einer auratischen Ferne von Raum und Zeit sprach, kündet jetzt von einer falschen Nähe zum Musikmarkt und zu vorgefertigten Bausteinen musikalischen Denkens. Es überwiegt das Sortiment. Die Musik bleibt weit hinter der gedanklichen Schärfe zurück, mit der Dimitri Schostakowitsch seine musikalische Sprache reflektierte.

Schostakowitschs erstes Violinkonzert, drei Viertel Trauermusik und ein Viertel grelle Satire, wurde von Vadim Repin zwar nicht in höchster denkbarer Intensität, aber ohne Effekthascherei, technisch absolut perfekt geboten. Das DSO unter der Leitung des überaus sympathischen Georgiers Djanzug Kachidze hinkte im ersten Scherzo zuweilen hinterher, zeigte sich aber sonst, gerade erst aus Luzern zurückgekehrt, auf Festspielniveau.

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