Kultur : Uraufführung in Amsterdam: Eine Million in gebrauchten Scheinen

Michael Struck-Schloen

Um Bonmots war Mauricio Kagel nie verlegen. Und das schönste führt direkt in die Denkwelt dieses Gottesnarren der Neuen Musik: "Zwei Gefahren bedrohen unaufhörlich die Welt - die Ordnung und die Unordnung." Mit solchen aphoristischen Hammerschlägen vom Format seines Lieblingsschriftstellers Georg Christoph Lichtenberg hat Kagel unsere wohl geordnete Kunstwelt immer wieder lustvoll-berserkerhaft zertrümmert oder zumindest behutsam abgeklopft (im Spätwerk seit der in Berlin uraufgeführten Liederoper "Aus Deutschland"). Der abgründige Humor und der plakative Theatercoup - sie sind nie Selbstzweck, sondern wollen uns immer wieder daran erinnern, dass die bürokratischen Hüter der Ordnung und die finsteren Mächte der Unordnung vor den heiligen Bezirken der Kunst keineswegs Halt machen.

Selten aber hat Kagel die Bedrohung der Kunst und des Kunstmachens so sensationslüstern aufgespießt wie in seinem jüngsten Opus mit dem Mozart-nahen Titel "Entführung im Konzertsaal". Das Sujet entstammt nicht, wie sonst bei Kagel, den Absurditäten des alltäglichen Lebens, sondern dem Repertoire der Boulevardblätter. Kurz vor der Aufführung einer großen Kantate nach Texten von Lichtenberg, so der Plot, hat ein Geiselnehmer Teile des Niederländischen Kammerchors und des Schönberg-Ensembles gekidnappt und in einen Probenraum des Konzerthauses gepfercht.

Warum und wie es dazu kam, ob der Gangster sich in der Tür zur nächsten Bank geirrt hat oder nur sein sadistisches Mütchen kühlen will, bleibt unklar Zu Gesicht bekommen wir den Unhold ohnehin nicht: Nur seine schnarrende Stimme tönt von Zeit zu Zeit in den Saal, wenn er sich per Telefon beim Dirigenten Reinbert de Leeuw meldet und in vulgärem Niederländisch Bulletten, Schnaps und eine Million in "gebrauchten Hundertern" verlangt.

Aber das Restensemble auf der Bühne lässt sich durch solche Drohungen in "Tatort"-Manier von seinem Kantaten-Vorhaben nicht abschrecken. Und während aus dem Foyer Polizeisirenen, das Knattern der Hubschrauber und die herrischen Kommandos der Einsatztruppen tönen, die der Komponist vom Mischpult abruft, wird ängstlich bibbernd, aber doch tapfer weitermusiziert. Da vereint sich die starke Bläserfraktion mit den verbliebenen Solostreichern und einem vorwitzigen Schlagzeug zu schräger Zirkusmusik, verbogene Tangos und impressionistische Chorwogen einen sich zum seltsam schweren Klangparfüm.

Ein Tenor (Christoph Homberger), den der offenbar amusische Entführer frei gegeben hat, weil er sein Gesinge nicht mehr ertragen konnte, berichtet schweißgebadet von seinen Horrorerlebnissen. Akustische Rückblenden zerschneiden die Gegenwart auf der Bühne, dann bimmelt wieder ganz real das Telefon an de Leeuws Seite. Am anderen Ende murmeln die Geiseln - wohl in Erwartung ihrer baldigen Exekution - Gebetsformeln, in die das Orchester nölend einfällt. Bis zum letzten Telefonat, das einen katastrophalen Ausgang der Geschichte ahnen lässt, trudeln Kagels Vexierspiele immer mehr ins Irreale. Und allmählich zersetzt und vergiftet das virtuelle Chaos hinter den Kulissen auch die Musik, die in einem dumpfen Trauermarsch und zwei armseligen Harfenglissandie verdämmert.

"Jeder von uns kann gezielt oder zufällig seiner realen oder virtuellen Freiheit beraubt werden", lautet Kagels Selbsterklärung zum Stück. Doch diese 50-minütige Freiheitsberaubung im Konzertsaal löst in ihrer Mischung aus Schimanski-Klischees und feinsinniger Ironie nur mäßigen Schrecken aus. Das liegt vor allem daran, dass die große Stärke von Kagels "instrumentalem Theater" in Amsterdam aus pragmatischen Gründen auf der Strecke blieb: Von den szenischen Anweisungen, die die Partitur durchsetzen wurde kaum ein Bruchteil realisiert. Als Persiflage über die um sich greifende "Entführungsindustrie" unserer Tage aber ist das Ganze viel zu harmlos und entbehrt zudem der Schlusspointe.

Gespalten waren denn auch die ersten Reaktionen: Während das Publikum im Concertgebouw dem Komponisten stehend huldigte, wurde die Novität von der niederländischen Presse als zu "kindisch" abgemahnt. Kagel wird sich nicht grämen. Denn als Auftragswerke der "European Concert Halls Organisation" (ECHO) geht die "Entführung im Konzertsaal" nach der Uraufführung durch sieben weitere Städte. So geht die Unordnung auf dem Podium - zumindest für den Komponisten - am Ende doch wieder in Ordnung.

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