Uraufführung von "Im Himbeerreich" : Die Endspielwütigen

Bankenkrise, Managerdämmerung: Andres Veiels „Im Himbeerreich“ – die Uraufführung läuft jetzt im Deutschen Theater. Doch statt eines kompromisslosen Finales gibt's nur eine Runde Beruhigungsmittel des Regisseurs.

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Ein Bunker für Chefs. Sie müssen einpacken - und wollen auspacken. Investmentbanker unter sich, mit Ulrich Matthes (vorn links) und Susanne-Marie Wrage.
Ein Bunker für Chefs. Sie müssen einpacken - und wollen auspacken. Investmentbanker unter sich, mit Ulrich Matthes (vorn links)...Foto: Eventpress Hoensch

Der Aufzug fährt runter, der Aufzug fährt rauf. Lautlos. Drehstühle in Chrom und Leder werden wie rohe Eier über die Bühne gerollt. Die metallfarbenen Wände erinnern an die Lobby eines Designerhotels. Für einen Bunker ist der Raum zu groß und auch zu stylish beleuchtet. Aber genau das ist die Situation: Wir betrachten Eingeschlossene, Abgeschlossene. Menschen, die mit ihrem Leben oder ihrer beruflichen Tätigkeit (wenn sie das überhaupt je auseinanderhalten konnten) fertig sind – oder an einem Punkt angekommen, an dem es kein Zurück mehr gibt. Oder nur noch: zurückrudern, aufgeben, neu anfangen. Fahrstuhl nach oben, Fahrstuhl nach unten. Fahrstuhl zum Schafott ...

Da würden viele gern die Bankenchefs und Politiker sehen, die Verantwortlichen der Krise. Von der man nie weiß, ob es eine Demokratiekrise, eine Finanzmarktkrise, eine Medienkrise ist. Ob sie vorübergeht oder von Dauer ist oder nur Präludium zu einem Monstercrash. Banker, was habt ihr getan?! Was tut ihr, wer deckt euch? Wieso werdet ihr nicht zur Rechenschaft gezogen, sondern noch belohnt?

Der Regisseur und Autor Andres Veiel hat mit abgesetzten und abgefundenen Spitzenleuten der deutschen Finanzwelt gesprochen. Geldmacher, Geldverbrenner, Wohlstandsvermehrer, Vermögensvernichter, Investment-Zauberer, was wollen und sollen sie nicht alles sein. Er hat ihnen zugehört, sie haben sich geöffnet. Es müssen sehr lange, sehr persönliche, sehr brisante analytische Gespräche gewesen sein. Sonst hätte Veiel seine Gesprächspartner nicht anonymisieren müssen. Sonst hätte er, wie bei „Black Box BRD“, als es um Terrorismus ging, um die Ermordung des Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen, einen Dokumentarfilm gemacht. Diesmal wollte und durfte keiner vor die Kamera und auch nicht als wiedererkennbare Person in einem Theaterstück auftreten. Zu gefährlich für den Bestand des Systems. Zu gefährlich für jemanden, der einen Schweigevertrag unterschrieben hat.

Das ist die erste Schwäche dieser heiß erwarteten, mit Riesenhype bedachten Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin mit dem Schauspiel Stuttgart. Wir sehen „Im Himbeerreich“ nur Platzhalter und Stellvertreter, konstruierte Figuren, Klons der Bankenunterwelt. Aber so austauschbar ist kein Mensch, nirgendwo. Und doch: Selbst beim genauen Hinhören könnte es sich hier auch um Chefärzte, Militärs, Politiker oder Wissenschaftler handeln, die an einem Geheimprojekt arbeiten. Die Bühne von Julia Kaschlinski ist und bleibt ein Bunker, das Bild suggeriert: Hier wird brandheißes Material verhandelt. Sieht leider nur so aus.

Das ist der zweite Schwachpunkt bei Veiel, nach dem Eindruck der Berliner Premiere: Enthüllt wird nichts. Kennt man doch alles, was die fünf Kerle und die eine Managerin da herum- und herausplaudern. Ein Finanzexperte im Publikum hat mitbekommen, dass Veiels Kronzeugen an einem Punkt doch sehr viel und Neues zu sagen haben, was die Fusion zweier großer deutscher Bankhäuser betrifft und die Rolle der Bundesregierung. Fällt aber sonst keinem auf, da muss einer tief eingeweiht sein. Offenbar gibt es auch noch juristische Probleme mit Veiels Textmontage, hat einer seiner Gewährsleute kalte Füße bekommen, sollen Passagen gekürzt worden sein.

Wie auch immer: Hier werden nackte Typen ausgezogen. Die Erzählung von der Bankenchose und Geldblase bleibt vage, unspezifisch, abstrakt, übervorsichtig. Überflüssig.

Lesen Sie den zweiten Teil der Rezension auf der nächsten Seite

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