• Urban Circus on Berlin Alexanderplatz: Performance: Das Schicksal rasselt mit dem Schlüsselbund

Kultur : Urban Circus on Berlin Alexanderplatz: Performance: Das Schicksal rasselt mit dem Schlüsselbund

Frederik Hanssen

Erschrocken drehen sich einige im Publikum um: Klappert da wirklich jemand während des Konzerts mit seinen Wohnungsschlüsseln? Nein, die Zuhörer des "Ultraschall"-Festivals im großen SFB-Sendesaal lauschen konzentriert und geräuschlos. Das Schlüsselklappern kommt aus einem der 16 Lautsprecher, die für die Uraufführung von Urban Circus on Berlin Alexanderplatz in zwei konzentrischen Kreisen im Saal postiert wurden. Nach den Regeln, die John Cage 1979 für die "Übertragung eines beliebigen Buches in eine Performance ohne Schauspieler" aufstellte, hat der Musikwissenschaftler und Tagesspiegel-Mitarbeiter Volker Straebel Alfred Döblins Roman in eine Partitur transformiert.

Und das ging so: Ein kompliziertes algorithmisches Verfahren hilft, die fast 450 Textseiten zu 120 Langstrophen zu verdichten. Die wiederum bestehen aus je zwölf Versen, deren mittlere Buchstaben von oben nach unten gelesen den Namenszug "Alfred Döblin" ergeben. Dann werden an allen Orten, die im Buch vorkommen, Aufnahmen gemacht und zusammen mit den im Text erwähnten Klängen zu einer Tonspur kombiniert. Das hört sich genauso aufwendig an wie es ist. Immerhin hatte Straebel 447 Orte und 681 Geräusche (davon 152 Musikstücke) zu berücksichtigen. Im Uraufführungs-Konzert allerdings lässt nur noch die beeindruckende Computeranlage in der Saalmitte die Tüftlerarbeit ahnen.

Die Sinne der Zuhörer werden gefangen vom gedämpften Rezitationston Hanns Zischlers, der die Satzfetzen der Strophen von verschiedenen Standpunkten aus in den Raum schickt: "Stimmungssängerin/ Weißt/ Mich einludst zu Eisbein und Sekt/ alte revidiert/ er stöhnt sein Kopf..." Dabei wird seine Stimme immer wieder überspült von der sehr urbanen Klangkulisse aus plärrenden Grammophonen, quietschenden Straßenbahnen, vorbeifahrenden Autos auf nassem Asphalt, Kichern, Stöhnen, Schmatzen, Porzellangeschepper und eben Schlüsselbundgerassel. So ergibt sich ein akustisches Panorama des Berlin der späten zwanziger Jahre, in dem sich Militärmärsche und Revueschlager, Arbeiterelend und Technikbegeisterung zu einem feinen Netz aus Alltags- und Alltagskulturgeräuschen verweben. John Cages Technik vermeidet dabei eine reine Illustration des Textes, denn dieser definiert ja lediglich das Material, aus dem Volker Straebel dann seine schwebende Ton- und Wortpartitur destillierte. Eine Entwicklung allerdings ist, anders als im Roman, während der 75-minütigen Aufführungsdauer nicht möglich. Das Leben des Franz Biberkopf, hier ist es ein langer, ruhiger Fluss.

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