Urbane Räume : Goldene Ghettos

Lassen sich Bezirke wie Kreuzberg und Harlem tatsächlich miteinander vergleichen – und wenn ja, was können Berliner und New Yorker in Sachen Stadtentwicklung voneinander lernen? Eine Diskussion entdeckt die mobile Bohème.

Kaspar Renner
Kreuzberg
Die Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg. -Foto;: ddp

Wie Kreuzberg lange Zeit für eine westdeutsche Enklave in Ostberlin gehalten wurde, so glauben viele Besucher New Yorks, dass Harlem außerhalb Manhattans liege. Und von Neukölln war letzthin zu hören, dass es eine „No-Go-Area“ sei wie vielleicht sonst nur die Südliche Bronx. Lassen sich diese Bezirke tatsächlich miteinander vergleichen – und wenn ja, was können Berliner und New Yorker in Sachen Stadtplanung und Stadtentwicklung voneinander lernen?

Diesen Fragen widmete sich die Konferenz „New York – Berlin: Kulturelle Vielfalt in urbanen Räumen“ im Haus der Kulturen der Welt. Der Begriff des urbanen Raums wurde schon im Eröffnungsvortrag des Experten für Stadtplanung, Peter Marcuse, differenziert: Ein Ghetto etwa kann gentrifiziert werden oder nur „vergoldet“, und Enklaven sind hier keineswegs mit Quartieren zu verwechseln. Über den Kulturbegriff hingegen herrschte Unklarheit: Während die deutschen Teilnehmer ihn überwiegend im Sinne von Hochkultur verstanden, sprachen viele Amerikaner von „indigenous culture“, also einer Kultur aus der Heimat, die durchaus auch trivial sein kann.

In New York jedenfalls ist die Bevölkerungsstruktur weit heterogener als in Berlin: Mehr als die Hälfte der New Yorker sind Immigranten oder Kinder von Immigranten. Und während sich Berlin noch als eine Stadt von Mehrheit (deutsch) und Minderheiten (vor allem: türkisch) beschreiben lässt, gibt es in New York schon fast so viele Afroamerikaner und Hispanics wie Exponenten des „weißen angelsächsischen Protestanten“.

Wie sich diese Kulturen kreativ verbinden können, zeigte Mark Naisons Vortrag zur Musikkultur in der südlichen Bronx. Vor allem Anfang der 60er Jahre beeinflussten sich hier latein- und afroamerikanische Traditionen. So reinterpretierte der in Havanna gebürtige Mongo Santamaria etwa Jazzklassiker wie Herbie Hancocks „Watermelon Man“ mit kubanischer Percussion. Aber auch die Pioniere des Hip-Hop feierten hier ihre ersten Auftritte, allen voran der aus Kingston kommende DJ Kool Herc, der den Breakbeat aus der jamaikanischen Dancehall-Kultur importierte.

Dass die kulturelle Entwicklung in Kreuzberg damit kaum vergleichbar ist, zeigte der Leiter des dortigen Bezirksmuseums, Martin Düspohl. Während sich in der Bronx alle marginalisierten Gruppen unter den Dächern des „social housing“ wiederfanden, richteten sich in Kreuzberg „outsider“ verschiedener Provenienz in Abrissbauten ein: deutsche Vertriebene, junge türkische Frauen und Wehrdienstverweigerer aus der BRD. Zu Kontakten aber kam es selten. Heute hingegen neigen viele türkische Rapper dazu, sich als Türken gerade in Abgrenzung von Arabern und Deutschen zu beschreiben.

Sicher, in New York legen viele schwarze Hispanics Wert darauf, nicht mit Afroamerikanern verwechselt zu werden, wie die Soziologin Nancy Foner ausführte. Auf die Frage, wer sie denn seien, würden sie antworten: „I am a New Yorker.“ Eine Gesamtberliner Identität hingegen müsste erst noch geschaffen werden. Vielleicht kann die hiesige Kommunalpolitik ganz praktische Dinge von den New Yorkern lernen: Dort gehören sowohl Harlem als auch die südliche Bronx zur sogenannten „Empowerment Zone“. Die Bezirke Neukölln und Kreuzberg zerfallen hingegen in eine Vielzahl von Quartieren. So sinnvoll Regionalisierung sein kann: Wie Dorothea Kollandt, die Leiterin des Kulturamts Neukölln, beklagte, führt sie oft dazu, dass nur quartierbezogene Projekte gefördert werden, während man Strukturen für den gesamten Bezirk abbaut.

Ob sich kulturelle Prozesse überhaupt noch kommunal steuern lassen? Libertad Guerra vom Künstlerkollektiv „Spanic Attac“ verwies auf die neue mobile Bohème, „Mobihemiens“, die stets unterwegs sind zwischen Berlin, New York und anderen Weltstädten: „Sie ,downtownisieren’ die Welt, weil sie immer in ,downtown’ sein wollen, egal in welcher Stadt, und ,downtown’ ist immer dort, wo sie sind.“ Einige der Konferenzteilnehmer jedenfalls gaben sich als Angehörige dieser Spezies zu erkennen.

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