Kultur : Urbanisierung: Die Stadt, der Müll und die Zukunft

Ismail Serageldin

Zum ersten Mal in der Geschichte leben die meisten Menschen in Städten. Wir betreten das urbane Jahrhundert. Natürlich haben viele Länder diese Schwelle bereits vor langer Zeit überschritten und die meisten industrialisierten Nationen können sich nur noch dunkel an ihre bäuerlichen Wurzeln erinnern. Doch einige so genannte Entwicklungsländer wissen kaum etwas über ihre urbane Zukunft, oder vielmehr eines: dass sie Hals über Kopf kommen wird. In anderen Teilen der Welt hingegen, vor allem in Lateinamerika, leben seit vielen Jahrzehnten die meisten Menschen in Städten. Von diesen am stärksten urbanisierten Regionen der so genannten unterentwickelten Welt lässt sich am meisten lernen.

Aber vergegenwärtigen wir uns zuvor noch mal, wie bemerkenswert dieses Ereignis ist: Die meisten Menschen leben in Städten, und dieser Prozess ist nicht rückgängig zu machen, im Gegenteil. Diese Entwicklung wird die etablierten Ordnungsstrukturen heftiger als je zuvor herausfordern.

Die ländliche Welt ist geprägt durch den Rhythmus der Jahreszeiten, durch den ewigen Zyklus des Lebens. Die städtische Welt hingegen wird durch den linearen technischen Fortschritt, den Menschenhand schafft, bestimmt. In der ländlichen Welt hört man Vögel, die Geräusche der Bienen, der Tiere und des Windes in den Bäumen. Die städtische Welt ächzt unter dem endlosen Getöse der Maschinen, der Kakophonie des Straßenverkehrs, dem Geschrei der Straßenverkäufer und den tausend und eins Geräuschen der geschäftigen Straßen.

Im bäuerlichen Leben scheinen unwandelbare Rollen zu herrschen, die eine immer gleiche Ordnung verbürgen. Im Gegensatz dazu prägen in den Städten Extravaganzen das Dasein, Episoden kollektiver Verrücktheiten wechseln mit Perioden von Altruismus und Selbstaufopferung ab. Das Land wird immer noch von der Natur in ihrer urwüchsigen, organischen Pracht beherrscht. Der Mensch hat sie dort nur teilweise gezähmt. Die Städte sind ganz und gar die Domäne des Humanen. Die Natur wurde aus den urbanen Landschaften verbannt. In den Blumenkästen und Westentaschenparks wirkt sie wie ein Zitat: umzäunt, in geometrische Räume eingepasst und nach dem Geschmack der Städter domestiziert.

Die Stadt ist ein Artefakt des Willens und der Fantasie gegen die natürliche Ordnung der Dinge. Die Stadt ist die ultimative Schöpfung der Menschheit: Sie berichtet von unserer Vergangenheit, sie wirft die Schatten unserer Zukunft voraus, sie spiegelt unseren Geschmack und unsere Technologie. Sie ist die Verkörperung unserer Wünsche und Ängste.

Und sie ist wunderbar! Die chaotischen Großstädte in den so genannten Entwicklungsländern verkörpern die Widersprüche, die die Urbanisierung der Menschheit mit sich bringt, in unvergleichlicher Weise. Wir staunen über das Paradox von Armut und Reichtum, von Elend und Exaltiertheit, von Hoffnung und Verzweiflung, von Bewahren und Erneuern, von Ordnung und Chaos. Alles steht scheinbar auf Messers Schneide, kurz davor, außer Kontrolle zu geraten. Und doch geht die unaufhörliche Bewegung auf geheimnisvolle Weise immer weiter.

Die Ordnung im Chaos

Heutzutage ist die Stadt mehr denn je mit anderen Städten verbunden. Die politischen Grenzen der souveränen Nationalstaaten sind durchlässiger denn je für Kapital- und Ideenströme. Unser tägliches Wohlbefinden liegt mehr denn je in der Hand unbekannter Personen in fernen Ländern. Das Leben der Bürger wird immer stärker von internationalen Wirtschaftsbeziehungen kontrolliert und bestimmt. Milliarden Dollar werden mit einem Mausklick verschoben.

Heutzutage gehören wir mehr denn je zu einer globalen Gemeinschaft, die durch die Wunder der Informations- und Kommunikationstechnologie stets weiß, was auf der anderen Seite des Planeten geschieht.

Heutzutage sind die Städte der "Entwicklungsländer" mehr denn je Schmelztiegel für rivalisierende Kräfte: für Globalisierung und lokale Besonderheit, für Homogenität und Vielfalt, für Reichtum und Ungleichheit, für technischen Fortschritt und menschliche Demütigung.

Jedes Jahr wachsen die Städte in der sich entwickelnden Welt, meist in den ärmsten Teilen in Asien und Afrika, um circa 75 Millionen Menschen. Das entspricht beinahe der Bevölkerung Deutschlands. Allein in Indien werden in dreißig Jahren rund 350 Millionen Menschen mehr in Städten leben als jetzt - also doppelt so viele wie die gesamte derzeitige Bevölkerung Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands zusammen. Es wird einen ungeheuren Druck auf Städte wie Shanghai, Sao Paulo, Mexiko, Kairo und Jakarta geben, Städte, die schon heute kaum die Bedürfnisse ihrer Bewohner befriedigen. Wir müssen uns also fragen, wie dieses Wachstum gemanagt werden kann.

Denn das enorme Bevölkerungswachstum schafft mehr Probleme, als die Zahlen vermuten lassen. Die alte, oft ruinierte Infrastruktur muss ersetzt werden, während gleichzeitig in ungekannter Geschwindigkeit neues Land erschlossen werden muss. Luft- und Wasserverschmutzung, Abfälle, Wasser- und Landverbrauch schaffen einen enormen Druck auf das Ökosystem. Die Bereitstellung von Wohnungen, von Trinkwasser, Schulen, Krankenversorgung und Transportmöglichkeiten überstrapaziert die Budgets auf allen Ebenen.

Wie man die Stadt retten kann

Eine zerfallende Infrastruktur, arme und überlastete soziale Dienste, zügellose Immobilienspekulation und schwache Regierungen lassen die Idee, Städte geordnet zu entwickeln, nahezu aussichtslos erscheinen. Die Spannungen in den Städten lassen das soziale Gewebe brüchig werden, genauso sehr, wie die ökonomische Spekulation das städtische Gewebe verändert. Die historischen Innenstädte, oft Orte von unschätzbarem architektonischem Wert, verwandeln sich zusehends in Gettos, weil die Mittelklasse flieht.

All diese Probleme haben die unangenehme Neigung, sich gegenseitig zu verstärken. Sie bilden eine Art Spirale. Und doch ist es möglich, auf diese Herausforderung Antworten zu finden. Voraussetzung dafür ist natürlich ein tiefes Verständnis der Wirklichkeit der Stadt und ihrer Institutionen; von ökonomischen, sozialen und politischen Interaktionen. Vor allem gilt es, die vielen Funktionen der Stadt zu verstehen. Mindestens fünf davon sind entscheidend: Die Stadt dient als Motor ökonomischer Entwicklung, als Brutkasten für Innovationen, als Netz für zwischenmenschliche Kooperation, als Transformator sozialer Werte und als Medium der Raumerfahrung.

Erstens: Unbeschadet von Armut und Arbeitslosigkeit, von Überbevölkerung und Umweltverschmutzung - die Städte werden weiterhin die Motoren für wirtschaftliches Wachstum bleiben. Ihre Dichte und Vielfalt erlauben Spezialisierung. Das Wohlergehen der gesamten Nation hängt immer stärker von dem Talent, der Bildung, den Fähigkeiten und unternehmerischen Fähigkeiten der Stadtbürger ab.

Zweitens funktionieren Städte als Brutkästen für Innovationen. Das dichte städtische kulturelle Milieu, seine unternehmerische Geschichte und seine komplexen schulischen, wissenschaftlichen, unternehmerischen und sozialen Strukturen unterstützen jene innovative Kraft. Ohne Innovationen keine Zukunft - deshalb sind die Städte die Avantgarde der Menschheit.

Drittens ist die Komplexität der sozialen Strukturen ein weiterer einzigartiger Zug städtischen Lebens. Städte sind mehr als aneinander gereihte Nachbarschaften, genauso wie eine Nachbarschaft mehr ist als ein kleines Dorf. Denn die Netze zwischenmenschlicher Zusammenarbeit sind in Städten teils geografisch, teils professionell, teils politisch - und oft überlappen sich diese Netze. Die Idee der Stadt ist die Vermischung, die Verflechtung - und insofern widerspricht die Stadt homogenen Nachbarschaften. Die Stadt macht die Komplexität möglich, und diese Komplexität macht die Stadt, zu dem, was sie ist.

Viertens gilt: Weil Städte so vielfältig sind, sind sie natürliche Transformatoren von Werten. Denn wo die Städte sind, wird das Unerhörte gedacht und das zuvor Unbekannte am schnellsten verwirklicht. Es gibt daher keine Modernisierung ohne Urbanisierung.

Fünftens schafft diese Vielfalt die einzigartige visuelle Komplexität, die hilft, den Sinn für den Raum zu definieren. All das spiegelt sich in der städtischen Architektur. Sie ist der Spielplatz, auf dem sich Egos austoben können, das Ergebnis ökonomischer Kräfte und, nicht zuletzt, das bewusste Design, in dem sich die Gemeinschaft ausdrückt. Die Sprache der Architektur ist mehr als Form und Ästhetik. Sie ruft die Vergangenheit wach, formt die Zukunft vor und drückt die gegenwärtige städtische Realität aller aus. Architekten sind Wächter vergangener Schätze, von architektonischen Formen und Räumen, und sie erschaffen das Erbe von morgen. Und sie spiegelt nichts weniger als uns selbst.

Deshalb lässt sich die Identitätskrise der so genannten Entwicklungsländer auch an ihrem architektonischen Vokabular ablesen. Viele fürchten sich dort vor der kulturellen Hegemonie des Westens. Architektonisch neigen daher viele zum Antimodernen - und zum Rückzug auf ikonischen Formen der Vergangenheit. Dies ist eine durch und durch ideologische Position, eine Art architektonischer Fundamentalismus. Auf der anderen Seite gibt es den nicht weniger zweifelhaften Versuch, die westliche Moderne als Ausdruck für "Fortschritt" einfach zu importieren. Diese beiden Ansätze sind grundverschieden - und doch ähnlich schwerfällig und unsensibel gegenüber Zeit und Raum. Gebraucht wird also eine Architektur, die Vergangenheit durch heutige Augen spiegelt. Natürlich müssen wir das Erbe respektieren - aber nicht durch Unterwerfung und Nachahmung, sondern durch die Einbeziehung des Vergangenen ins Neue.

Und: Viele denken, dass wir uns angesichts des Elends nicht um Schönheit kümmern brauchen. "Stellt die Kanalisation und das Wasser zur Verfügung und kümmert Euch später um die Ästhetik!" Das ist ganz verkehrt. Denn dieses Argument ähnelt jenem, das besagt, dass die Menschen erst essen müssen, ehe sie Anspruch auf Demokratie haben. Wir haben gelernt, wie falsch das war. Wer sagt also, dass Schönheit nur für die Reichen ist?

Regierungen stehen derzeit schlecht da. Lange galten sie als Schlüssel für sozialen Wandel und wirtschaftliche Entwicklung. Doch mittlerweile schwindet diese Rolle. Und je schwächer Staat und Regierung scheinen, desto stärker treten Privatwirtschaft und zivile Gesellschaft hervor. Heute halten die meisten die Wirtschaft für Ausschlag gebend, wenn es um neue Jobs und Wachstum geht. Und die zivile Gesellschaft gilt als der eigentliche Ort sozialer und politischer Teilhabe. Außerdem wächst die Einsicht, dass der Nationalstaat gleichzeitig zu klein und zu groß geworden ist. Er ist zu klein, um die globalen Kräfte der Finanzmärkte zu steuern und Antworten auf die ökologische Krise zu geben. Gleichzeitig ist der Nationalstaat zu groß, um den individuellen Bedürfnissen der Bürger gerecht zu werden. Er erscheint immer ferner, entrückter, bürokratischer und unzugänglicher.

So wird, was früher in der Verantwortung nationaler oder regionaler Strukturen lag, immer stärker nach unten abgegeben: vor allem an Städte. Diese sind aber selten in der Lage, mit den gewachsenen Kompetenzen klar zu kommen. Denn meist wächst nur die Aufgabe, selten auch das Budget.

Wie soll man all diese Probleme der modernen Stadt lösen? Etwas grob gezeichnet können wir drei Strategien dingfest machen, die die Debatten bestimmen. Nennen wir sie soziale Solidarität, das Netz (meist ökonomischer) Transaktionen und Machtbeziehungen.

Das Modell der sozialen Solidarität basiert auf der Idee, dass die Individuen zusammenarbeiten und so Gemeinschaften bilden. Dementsprechend werden die Probleme der modernen Großstädte als Mangel an sozialer Solidarität gesehen und mit Ermahnungen, Mobilisierungen und altruistischen Aktivitäten beantwortet. Wir können dies die Mutter-Theresa-Strategie nennen. Ich meine dies nicht abwertend, denn Solidarität ist das Beste an menschlichen Beziehungen. In den reichen industrialisierten Ländern gäbe es ohne die Idee der Solidarität kein soziales Netz, das den Bürgern unabhängig von Einkommen und Schicksal ein menschenwürdiges Leben garantiert.

Die Mutter-Theresa-Strategie

Das zweite Modell versteht die Gesellschaft als ein Netz von (meist ökonomischen) Transaktionen. Die Probleme der armen Großstädte gründen dabei in Marktverzerrungen. Daher gilt es, jene Hürden zu beseitigen, die den Armen den Zugang zum Markt versperrt. Die Anhänger dieser Strategie verstehen sich glänzend darauf, Anreize und hilfreiche Rahmenbedingungen zu entwerfen. Wir können dies die Weltbank-Strategie nennen. Das Modell der Macht begreift Wirklichkeit als politischen Kampf um die Kontrolle öffentlicher Ressourcen. Die Anhänger dieser Strategie sorgen sich besonders um die politischen Rechte der Armen. Die Anhänger dieser drei Modelle argumentieren lang und hart, sie reden aufeinander ein wie Taube. Doch die Realität ist komplexer als diese Schemata. Wer Erfolg haben will, muss alle drei kombinieren.

Was also brauchen wir? Wir brauchen so etwas wie "Helden der Stadt", Politiker, die das Neue verstehen und sich dem Wandel stellen, Entscheidungsträger, die nicht etwas für die Kommunen tun, sondern die Gemeinschaften in die Lage versetzen, selbst zu handeln und das Potenzial engagierter Bürger zu entfalten. Solche Führungskräfte sind rar. Viel zu oft ignorieren Politiker die Schwachen. Glücklicherweise wachsen andere Führungsfiguren aus den sozialen Bewegungen heran, die den Marginalisierten zu einer Stimme verhelfen. Diese Figuren sind nicht nur das Gewissen der Stadt, sondern auch kreative Anführer des Wandels.

Wir können nur hoffen, dass mehr "urbane Helden" auftauchen, um die Herausforderungen von Armut und Marginalisierung anzunehmen. Dass sie eine Koalition der Sorgenden bilden, die sicherstellt, dass künftig alle Individuen das befreiende Versprechen des städtischen Traums einlösen können. Dies ist die Vision einer Welt, in der die Größe einer Kultur an der Qualität des Lebens der ärmsten Bürger gemessen wird, nicht an der Größe ihrer Armeen oder Gebäude. Eine Vision, in der die Zukunft offen für alle ist, so offen wie das Wissen, so zufällig wie das Spiel, so überraschend wie die menschliche Erfindungsgabe.

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