Urfaust : Spiel ohne Regeln

Regisseurin Felicitas Brucker verwirrt das Publikum mit ihrer Inszenierung des Urfaust am Gorki Theater.

Andreas Schäfer

Der religiöse Überbau kam erst später. Als Goethe die Fragmente des Faust schrieb, die als Urfaust bekannt wurden, gab es weder den Prolog noch das „Vorspiel auf dem Theater“. Dafür stand, wie es sich für einen jungen Mann gehört, Weltschmerz („Habe nun, ach!“) und die Liebestragödie im Vordergrund. Wenn schon „Faust“, dann ist es logisch, dass das kleine Gorki Theater die Kammerspielvariante wählt: Man braucht eigentlich nur drei Figuren. Faust (Robert Kuchenbuch), Margarete (Hilke Altefrohne) und Mephistopheles (Michael Klammer).

Die drei sitzen in einer lädierten, schaurigen Weltkugel aus Sperrholz, die auch Raumschiff oder Laboratorium sein könnte (Bühne Steffi Wurster), höchstwahrscheinlich aber die löchrige Höhle darstellt, in der die Goethe-Sätze wie Fledermäuse von der Decke hängen, und spielen Zitate-Fangen. Urfaust: ein Kinderspiel! So könnte man den hilflosen Versuch von Regisseurin Felicitas Brucker nennen. Ein Spiel allerdings, das keine Regeln zu kennen scheint und in dem es erzähltechnisch drunter und drüber geht.

Unerträgliches Potpourri

Mal muss Faust den Text runterrattern wie ein renitenter Oberschüler; mal mit Mephistopheles ein albernes Duell mit Mikadostäbchen aufführen. Mal gibt Margarete die strenge Lehrerin, dann wieder das süße Mädchen, um später ein Mikrofon so lange gegen eine Wand zu schlagen, bis das Kind in ihrem Bauch tot ist. Blusen und Hosen werden ausgezogen und wieder angezogen, Musik wird aus- und wieder angestellt. Als Marthe ihren Auftritt hat, stehen plötzlich zwölf ältere Damen auf der Bühne und erzählen Geschichten aus ihrem Leben: von scheiternden Ehen, Arbeitslosigkeit und dem Glück des Fallschirmspringens.

Scheint so, als habe Brucker den Fragmentcharakter der Vorlage als Blankoscheck für Disparatheit verstanden. Das Potpourri wäre unerträglich, wenn nicht die Schauspieler wären, die erstaunlich locker bleiben. Hilke Altefrohne macht aus Gretchen ein forderndes Mädchen, das mit beiden Beinen auf dem Boden ihres Gefühls steht und ihrem Faust entgegenspringt, während der noch linkisch mit dem Verführungsbesteck klappert. Robert Kuchenbuchs Faust hat nichts Weltverschlingendes, sondern ist Feuer und Flamme. Den Tanz der ersten Begegnung beherrscht man am Gorki, auch wenn sonst nichts passt.

Wieder am 9. und 24. 2.

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