Kultur : Urgewalt

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THEATER I

Der Kontrast könnte nicht schärfer sein. Ende letzten Jahres inszenierte die Regisseurin Susanne Truckenbrodt am Orphtheater mit sieben jungen Schauspielerinnen „Lilith am Toten Meer“. Das Stück bestach durch präzise Choreographie. Das Motiv des Abschiednehmens wurde durchgespielt und in immer dichteren Anläufen umgekreist. Im Programmheft des neuen Stücks der Regisseurin wird nun erläutert, dass es in „Lilith“ um das Thema „Masse Frau“ gegangen sei. Deshalb werde mit „Moby Dick“ nun die „Masse Mann“ behandelt. „Moby Dick“ basiert auf der gleichnamigen Sprechoper von Tim Staffel, auch wurde auf Fragmente des Romans von Herman Melville zurückgegriffen (wieder am 17./18. August sowie vom 3.-6. Oktober, 20 Uhr). Die „Masse Mann“ also. Sieben Walfänger unter dem Kommando Kapitän Ahabs machen sich auf die Suche nach dem weißen Wal. Die acht Gestalten sind in der Schiller-Theater-Werkstatt, anders als bei Melville, ohne Identitäten, sie tragen graue Anzüge, Militäruniformen wohl, wie aber nur vage angedeutet wird. Auch Schiff und Meer muss man sich dazu denken, bis auf ein paar Masten, Taue und Segel ist die Bühne leer. Was die Mannschaft eint, ist einzig Ahabs Idee: Moby Dick muss sterben. Truckenbrodt sagt uns nun, dass es auf dem Schiff eigentlich wie im Faschismus zugeht, also im Grunde wie im Kommunismus und Kapitalismus und Islamismus und Katholizismus. Deren Symbole werden auf ein Segel projiziert, die Mannschaft hisst Fahnen mit Hakenkreuz, Halbmond und rotem Stern. Das ist ziemlich schnell ziemlich verständlich – und wird auch nicht dadurch interessanter, dass Rammstein-Songs die fehlende inszenatorische Energie ersetzen müssen, um die Urgewalt der „Masse Mann“ zu veranschaulichen. Philipp Lichterbeck

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