Kultur : Urlaub: Das Tessin-Gefühl

Was macht der Mensch, wenn er aussteigen will? Er fährt ins Tessin und steigt auf. Nimmt die Seilbahn und den Sessellift und spaziert zum Gipfelkreuz von Cardada, hoch oben über dem Lago Maggiore. Diese Luft! Diese Weite! Dieses Panorama! Tief unten schimmert der See, im Süden winkt Italien, im Norden ragen die Viertausender auf. Das Auge schweift, die Seele fliegt mit, und das Ego, dieses mickrige, engstirnige, selbstsüchtige Ding, löst sich auf, irgendwo da drüben am dunstigblauen Horizont.

Ja, so könnte er aussehen, der Urlaub vom Selbst. Aber dann klingelt das Mobiltelefon, und der Redaktionskollege im fernen Berliner Büro bittet um eine baldige Feuilleton-Glosse. Recht hat er: Der moderne Mensch ist kein Naturwesen, sondern ein Kulturprodukt, und Aussteigen ist in Zeiten allgemeiner Konjunkturschwäche ohnehin ziemlich passé. Den jüngsten Statistiken zufolge meldet sich der moderne Mensch noch nicht einmal mehr krank, steht in der Zeitung, die am Kiosk in der Talstation feilgeboten wird. Also packt die Aussteigerin das Handy ein und die Touristeninformation aus: "Selbstentdeckung in Cardada" verspricht der Prospekt, macht auf die Erlebnisqualität der hiesigen "Landschaftsvisionen" aufmerksam, auf den nahe gelegenen "Spielspazierweg" und den Aussichtssteg von Mario Botta ("eine magische Passerelle mit naturkundlichen Info-Tafeln").

Auch der Gipfel ist mehr als nur ein Gipfel, handelt es sich bei näherem Hinsehen doch um eine "geologische Beobachtungsstation". Hier kann der Wanderer anhand von ebenfalls architektonisch wertvoll arrangierten Gesteinsproben den Unterschied zwischen Schiefer, Gneiss und Granit studieren, wird über die "insubrische Linie" im Nebental aufgeklärt, die die Grenze zwischen europäischer und afrikanischer Erdplatte markiert, und erfährt ansonsten "die Relativität des menschlichen Lebens gegenüber der Dimension und der Zeit über Epochen hinweg". Von wegen Urlaub.

Also runter zum See und rauf auf den Monte Verità, jenes sagenumwobene Dorado der Zivilisationsmüden vor 100 Jahren. Und siehe da, denen ging es auch nicht besser. Zwar klingelte in den Lichtlufthütten der Utopisten gewiss kein Handy, aber die Internationale der Rohkostler genoss dort keineswegs einfach nur Licht und Luft. Sie labte sich vielmehr an den "Brüsten der Wahrheit" von Anarchie und Lebensreform, Kunstreligion und Mythologie, was auch ziemlich anstrengend klingt. Kein Hügel blieb verschont: hier der Walkürenfelsen, dort die Parzifal-Wiese (heute mit Spielplatz), drüben die thebaische Wüste. Obendrein trugen Lacto- und Fructo-Vegetarier erbitterte ideologische Kämpfe aus; Erich Mühsam schimpfte über die "ethischen Wegelagerer mit ihren spiritistischen, theosophischen, okkultistischen und potenziert vegetarischen Sparren" - und genehmigte sich in der nächsten Osteria ein deftiges Ossobuco.

Also wieder runter zum See und rein ins Maggia-Tal, diesmal mit Hugo Ball im Gepäck. Der war seinerzeit des Verfassens von Dada-Manifesten müde geworden und stieg mit Frau Emily und Ziege Kadidja auf die Alp. Gut, er hatte auch eine Schreibmaschine im Rucksack, aber wenigstens die Ziege - so hofft die Aussteigerin - wird ihrem natürlichen Dasein mitten in den Bergen doch wohl keinen höheren Sinn verliehen haben. Und was macht das Tier? Es futtert Hubert Fichte! Nicht irgendeinen Fichte, sondern "Das Ich über alles in der Welt". Ob die Ziege nach dieser Mahlzeit ihr Ego entdeckte, ist nicht überliefert. Nur ein Tagebucheintrag von Emily, die auf der Alphütte entdeckte, dass Zeit, Ort und Raum ein "nett überflüssiges Getue" seien. Schade um die schöne Aussicht.

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